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Idee

Seit geraumer Zeit wird darauf hingewiesen, dass die erinnerungskulturelle Praxis vor einem Bruch steht, da die Zeitzeugen der nationalsozialistischen Massenverbrechen und des Holocaust in absehbarer Zukunft nicht mehr unter uns weilen werden. Der Zeitpunkt rückt näher, an dem keiner der ehemals Verfolgten mehr mit eigenen Erinnerungen zur Auseinandersetzung mit diesem Teil der Vergangenheit beitragen kann.
In der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen stehen Institutionen und MultiplikatorInnen vor neuen Fragen bezüglich der Zukunft der Erinnerung. Zum Beispiel: Wie kann Erinnerung an die NS-Verbrechen überhaupt aussehen? Wie werden Jahrestage und Gedenkveranstaltungen gestaltet, an denen keine Überlebenden teilnehmen? Sind Gespräche mit Zeitzeugen zu „ersetzen“?
Bereits seit Jahren sind in den Organisationen und Lagergemeinschaften der Überlebenden nur noch wenige aktiv, die selbst Opfer von NS-Verbrechen geworden sind. An ihre Stelle sind oftmals die Kinder der ehemaligen Häftlinge oder engagierte Dritte getreten.
Fragen und Entwicklungen solcher Art werden vor allem in einem akademischen Kontext diskutiert. So oft dabei auf die Tragik hingewiesen wird, dass es bald keine Überlebenden mehr geben wird, so selten scheinen bei der Suche nach Antworten diejenigen beteiligt zu werden, um die es dabei geht: Die damaligen Opfer selbst.

Ziel

Wir möchten mit dem Projekt „Die Zukunft der Zeitzeugen“ einen Beitrag dazu leisten, die Überlebenden in die Diskussionen einzubeziehen. Sie sollen nicht – wie so häufig – ausschließlich als Träger und Vermittler von Erinnerungen betrachtet werden. Vielmehr gestalten sie eine Gegenwart und eine Zukunft mit, in der die Auseinandersetzung mit der von ihnen erlebten Vergangenheit nach wie vor überaus wichtig ist.
Wir wollen die persönlichen Erfahrungen der Überlebenden würdigen und für zukünftige Generationen mit einer Videodokumentation bewahren. Darüber hinaus sollen die Interviews dokumentieren, welche Erwartungen, Vorstellungen und Wünsche unsere Gesprächspartner im Hinblick auf ein zukünftiges Gedenken und die erinnerungskulturelle Praxis haben.

Methode und Durchführung des Projekts

Mit verschiedenen Interview-Teams möchten wir Überlebende in ihrer jetzigen Heimat besuchen, um mit ihnen über unsere Fragestellung ins Gespräch zu kommen. Dafür werden wir nach West- und Osteuropa sowie Israel reisen.
Durch Briefkontakt im Vorfeld der Besuche soll eine erste Annäherung und gegenseitige Sensibilisierung für die jeweiligen Wünsche und Vorstellungen der Beteiligten ermöglicht werden. Wir möchten zwei Interviews (ein lebensgeschichtliches und eines zur Zukunft der Erinnerung) mit den Überlebenden führen und außerdem einige Tage mit unseren Gesprächspartnern verbringen, um ihre persönliche Geschichte, ihre gegenwärtige Lebenssituation und ihre Wünsche für die Zukunft ohne Zeitdruck und mit Raum für Reflexion zu thematisieren.
In unserer Vorbereitung werden wir uns mit den verschiedenen Schichten der Erinnerung auseinandersetzen: Dabei geht es uns zum einen um die individuellen Lebensstationen unserer Gesprächspartner, als auch um den gesellschaftlichen Kontext und die verschiedenen Erinnerungs– und Gedenkkulturen in den jeweiligen Ländern.
Auf der Grundlage der gefilmten Interviews wird neben einer Videodokumentation auch eine Broschüre erstellt.