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Von Kastanien umsäumten Straßen empfangen

Den Auftakt unserer Reise in die Ukraine bildet der Nationale Feiertag zur Unabhängigkeit der Ukraine am 24. August. In den folgenden zwei Wochen lernten wir die Ukraine in aller Vielfalt kennen. Mit der Eisenbahn folgen wir dem Dnjepr bis nach Zaporizzja und zurück in Kiew erneut bis nach Odessa ans Schwarze Meer. Das große Land braucht Zeit zum Reisen und Entdecken der Geschichte, in den Städten und auf dem Land. Am häufigsten ist sichtbare Erinnerung dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Denkmäler für die Erinnerung an die Deportation zu finden ist schwierig, aber dafür tauchen wir in neue Geschichtsdimensionen ein zu denen beispielsweise der Afghanistan Krieg der Sowjetunion, die russische Revolution 1905 und auch der Aufstieg der sowjetischen Macht nach dem zweiten Weltkrieg gehört. In der Weite der Ausdehnung des Landes von städtischem und ländlichem Leben zwischen Industrie und Kleinbauerntum sind es unsere Gastfamilien die uns diesen Blick weiten, Gedanken und weitere Gespräche anregen und zum Verständnis helfen. In dieser Spannweite zwischen Hauptstadt und Land, Industrielandschaft und Schwarzmeerküste lernen wir das Leben unser Zeitzeugen aus sehr verschiedenen Lebensumständen, Situationen und geprägt von unendlich vielen Erfahrungen kennen.

Doch zurück zum Beginn der Reise in Kiew. Hier starteten wir am Nationalfeiertag mit einer Stadtbesichtigung die uns zu den großen Sehenswürdigkeiten führte, darunter zur Sophien Kathedrale (UNESCO Weltkulturerbe), dem Michaelskloster sowie der Andreaskirche, aber natürlich auch zum Kunstmarkt und dem Flusshafen am Dnjepr und längst nur einen ersten Eindruck ermöglichten. Abends spazierten wir durch das kunstvoll beleuchtete Zentrum Kiews, erfüllt von festlichen Menschen, Springbrunnen und den restlichem Ausstellungsaufgebot der morgendlichen Parade in Form von Panzern und Raketenträgern. Am Rande des Zentrums war es ein einziger Straßenmusiker am Europaplatz dem es gelang alle mitzunehmen auf ein spontanes Tänzchen oder zum Mitsingen.
Weiter auf den Spuren der ukrainischen Geschichte besichtigten wir am nächsten Tag die südlich des Zentrums gelegene Denkmal-Parkanlage bei der Mutter Heimat (Rodina Match). Die riesige 60 Meter hohe Muttergestalt-Skulptur überragt ein hektarweites Gelände. Zu ihren Füßen finden sich neben Kämpfer-Skulpturen und alten Panzern im Umfeld ein Denkmal und Museum für die Hungersnot von 1932/ 33 (Holodomor), für den unbekannten Soldaten sowie auch für die Opfer des Afghanistan Krieges in den 1980er Jahren.

Von der Stadt aufs Land

Die monumentale Musik zurücklassend gehen wir mit dem Enkel unseres ersten Zeitzeugens auf Überlandpartie in das ca. 80km südlich von Kiew gelegene Dörfchen Chaltscha und landen mitten auf dem kleinen Bauernhof der Familie Koschan. Umgrenzt von Linden, Birken und Büschen, von Hühnern, Puten, Katzen und einem Hund belebt, begrüßten uns unsere Gastgeber herzlich, was sich alsbald in einem großen Mittagsmahl mit frischen Gartenfrüchten, ukrainischen Spezialitäten und immer neuen Überraschungen herausfordert. In den kommenden zwei Tagen werden wir immer wieder Neues kennenlernen und überrascht sein, was sich weitab vom mitteleuropäischen Konsum allein aus diesem Hof und Garten herstellen lässt. Das Essen wird und bleibt ein Kernbestandteil der großen Gastfreundschaft der gesamten Reise.
Am Ende des langen Tages finden wir unsere Nachtruhe in dem kleinen Häuschen, in den Gästebetten der Kinder und Enkel von Vladimir Stepanowitsch und seiner Frau. So werden wir für einige Tage ganz Teil der Familie Koschan, ihres Lebens und jeden Schrittes ihres Tagesablaufs, der immer wieder Überraschungen beinhaltet. So taucht am nächsten morgen kurz vor Beginn unseres ersten Interviews ein weiterer ehemaliger Häftling des KZ Mittelbau-Dora und Ellrich auf. Mit dem Versprechen ihn später am Nachmittag zu besuchen, beginnen wir unser Interview mit Vladimir Stepanowitsch. Doch bevor er von seiner Deportation nach Deutschland, Zwangsarbeit und Straflager berichtet, erfahren wir viel über das Leben zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in der Ukraine. Wir sind beeindruckt von seinem unglaublichen Gedächtnis, aber vor allem auch der sehr strukturierten Erzählweise.

Stepanowitsch und Danielowitsch
Unsere Interviewpartner Vladimir Stepanowitsch und Ivan Danielowitsch

Ein reiches und ausführliches Mittagessen schlossen den langen Vormittag ab und öffnen die Gelegenheit zur Ruhe, vor allem für unseren „Opa“, denn wir brechen mitsamt unserer Technik quer durch den Wald zu unserem neuen Bekannten auf. Ivan Danielowitsch erwartet uns auf seinem kleinen abgelegenen Grundstück, wo er landschaftlich traumhaft, aber sehr allein lebt. Leider ist unsere Zeit sehr begrenzt. Doch in dem Moment wo er seine Geschichte zu erzählen beginnt, auch unwesentlich, denn er erzählt das, was ihm wichtig ist und wir haben die Chance dies aufzunehmen. Herkunft und Erlebnisse ähneln denen von Vladimir Stepanowitsch etwas, aber der Umgang mit der Erinnerung unterscheidet sich heute und schon in der Vergangenheit. Zu Gast im Land der Melonen gibt es auch bei ihm Sonnenmelone aus dem Garten und natürlich für Unterwegs noch eine große Ration an Wassermelonen. Die Landschaft liegt leicht im Abendnebel und erscheint etwas melancholisch bei der Rückkehr, aber vielleicht liegt dies auch an den Erlebnissen des Tages. Es bleibt nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn „daheim“ bei unserer Gastfamilie erwartet uns ein großer Schaschlik-Grill-Abend mit der ganzen Familie.
Mit dem Morgen naht schon der Abschied, doch zuvor haben wir noch ein zweites intensives Interviewgespräch über die Zukunft der Erinnerung und zum wirklichen Abschied ein riesiges Mittagsmahl. Zusammen mit der Tochter und dem Enkel fahren wir zurück nach Kiew und finden dort für eine weitere Nacht die Gastfreundschaft der Familie Koschan.

Familie Stepanowitsch
Die ganze Familie von Vladimir Stepanowitsch mit unserem Team Ukraine zum Abschied

Zurück in Kiew

Bevor die Reise uns weiter nach Süden führt, suchen wir ein weiteres Stück Ukrainischer, Kiewer Geschichte zu erkunden: die Gedenkstätte Babi Jar. In der Schlucht Babi Jar wurden Ende September 1943 innerhalb von 2 Tagen über 33.000 Juden erschossen und in den folgenden Monaten insgesamt über 150.000 Weißrussen, Ukrainer und Angehörige anderer Gruppen. Ein monumental-mächtiger Skulpturenkomplex erinnert an die Opfer des Krieges. Keine einzige Tafel informiert über die direkte Geschichte des Ortes, insbesondere die jüdische. Einige Gedenksteine im Umfeld lassen erkennen, dass die Großanlage der 1970er Jahre doch nicht alle Opfer einschließt. Ein jüdisches Gemeindezentrum soll hier entstehen. Die heute als Parkanlage gestaltete Fläche liegt durchaus im städtischen Zentrum und wirkt doch verlassen und nicht als Teil der öffentlichen Wahrnehmung.

Entlang des Dnjepr gen Süden

Mit diesem weiteren Baustein Geschichte und unserem Großgepäck steigen wir spät am Abend erstmals in einen Nachtzug gen Süden, entlang des Dnjepres nach Zaporizzja. Im komfortablen Coupé verbringen wir eine ruhige Nacht bevor wir um 6 Uhr mit Modern Talking „You are not alone“ aus dem Schlaf gerissen werden und wenig später im Bahnhof Zaporizzja einfahren, wo wir von Valery, dem Sohn von Herrn Suprun abgeholt werden. Vom modernen Zentrum geht es in eine Vorstadtsiedlung von vielerlei umrankten, farbig gestalteten Familienhäusern. Durch einen Tunnel aus Weinreben voller Trauben erblicken wir den liebevoll gedeckten Frühstückstisch mit den frisch angerichteten Kaviarhäppchen und das schon morgens um kurz nach sieben. Natürlich gibt es auch hier wieder frisches Obst und Gemüse aus dem Garten (Pfirsiche gerade vom Baum gepflückt!). Und bevor wir uns mit der „jüngeren Geschichte“ beschäftigen können, nimmt uns Valery mit zu den berühmten Orten der Stadt, zur Kosakenreiterei auf der 12km langen Dnjepr Flussinsel Chortiza und den ebenfalls dort gelegenen Skythengräber der Vorgeschichte, zum größten Staudamm des Flusses und überhaupt in eine beeindruckende Umgebung. Nachdem wir zurück wieder lecker zu Mittag gegessen hatten gehen wir auf einen ersten Kurzbesuch zu Papa Suprun und seiner Frau, die keine fünf Minuten Fußweg in der gleichen Siedlung leben. Opa Suprun zeigt uns den auch hier wieder sehr reichhaltigen Obst- und Gemüsegarten, den er mit seinen 83 Jahren noch selbst bewirtschaftet. Am Abend bekommen wir beim gemeinsamen Spaziergang in Zaporizzja mit Valery und seinen Söhnen einen Eindruck von der Industriestadt, dem endlos langen Lenin-Prospekt und eine Ahnung des Verlaufs der zweiten Weltkrieg in dieser von unseren Kenntnissen weit entfernten Landschaft.

Am Sonntagmorgen bereiten wir uns bei Opa Suprun auf das Interview vor. Valery hilft uns bei den vielen kleinen technischen Herausforderungen, die sich in den Steckdosen und Lichtverhältnissen äußern. Dann erzählt uns Pjotr Polikarpowitsch über seine Kindheit, die Deportation zuerst nach Auschwitz, dann nach Deutschland, nach Buchenwald und Dora, aber auch sehr viel, vor allem seine Meinung über den Umgang mit Geschichte und die heutige Wahrnehmung der Erinnerung bis hin zu den aus seiner Sicht möglichen Gefahren der Zukunft. Dazwischen schauen wir uns alte Fotos von Familienurlaub auf der Krim, von seiner Hochzeit, vom Sanatorium und auch von Treffen mit Kameraden an. Das Mittagessen zurück bei Valery von seiner Frau Aljona liebevoll und lecker zubereitet bringt eine Pause und die anschließende dreistündige Dnjeper-Rundfahrt um die Insel Chortiza weitere Einblicke in die Umgebung und Abwechslung bis zum Abschluss mit Grill-Schaschlikabend zurück im Garten der Suprun Junior-Familie in großer Runde.

Pjotr Polikarpowitsch
Im Gespräch mit Pjotr Polikarpowitsch

Anders als ursprünglich geplant, haben wir auch hier am nächsten morgen einen weiteren Freund von Herrn Suprun, Herrn Vladimir Maximowitsch kennen zu lernen und fast drei Stunden zu interviewen. Wie fast alle Hauseigentümer hat auch er reichliche Weinreben und lässt uns an der reichen Ernte sowohl der Trauben als auch des Weins vom letzten Herbst teilhaben.
Am Nachmittag sitzen wir zum Abschied wieder zusammen am reich gedeckten Tisch bei Valery und Aljona, die uns irgendwie jeden Wunsch versuchen abzulesen und zu erfüllen. Es gibt extra in der Konditorei bestellte Torte neben unzähliger selbst gemachter Leckerein.
Auf unseren Wunsch dürfen wir auch Valery interviewen, der bereits einmal mit seinem Vater in der Gedenkstätte in Mittelbau-Dora war. Wir haben ein sehr bewegtes, interessantes Gespräch, das aber auch bewusst macht, wie sehr seine Kindheit und Jugend von den Erlebnissen seiner Eltern und dem schwierigem Umgang mit jenen geprägt ist. Es gibt so viel zum Denken und Nachdenken was wir mit auf den Weg nehmen als wir uns dankbar von Valery und Aljona und ihren Söhnen Dima und Mischa verabschieden und abends wir in den Nachtzug gen Kiew steigen.

Wieder Nachtzug gen Norden

Spät erst verlassen wir nachts Zaporizzja und so erleben wir am Dienstagvormittag eine interessante Fahrt durch die weite Landschaft bis wir mittags wieder Kiew erreichen. Die Mitte unserer Reise ist überschritten und noch haben wir den Wunsch einen weiteren Überlebenden in Odessa zu besuchen, den wir auch angeschrieben hatten, aber bisher ohne Antwort waren. Mit Hilfe von Tanya, einer Studentin die uns durch die Gedenkstätte Buchenwald vermittelt worden war, finden wir den Kontakt zu Herrn Petschenko und sogar die Zusage für ein Gespräch und Interview. Anlass genug abends wieder in einen Nachtzug zu steigen, diesmal nach Odessa. Doch zuvor treffen wir uns mit Vitali, einem Mitarbeiter des Ukrainischen Zentrums für Holocaustforschung um uns über die Arbeit, aber viel mehr noch den Umgang mit der Erinnerungskultur in der Sowjetunion und heutigen Ukraine auszutauschen und neue Kontakte zu finden.

Odessa am Schwarzen Meer

Nach einer ruhigen Nacht und ungefähr 500km Zugfahrt erreichen wir am Mittwochmorgen Odessa und finden schnell eine tolle Unterkunft in einem schönen Apartment im Stadtinneren. Alsbald besuchen wir Pawel Alexandrowitsch und seine Frau um sich etwas kennen zu lernen und sind auch gespannt, denn bereits 2001 hatte Jugend für Dora ein erstes Interview mit ihm gemacht, als er in jenem Jahr im April die Gedenkstätte besuchte. Anders als unsere ländlichen Gesprächspartner bewegen wir uns hier in einem modernen städtischen Kontext und ebensolchen Leben. Entsprechend nutzen wir den Nachmittag für einen Besuch in einem kleinen privaten jüdischen Museum, entdecken ein jüdisches Begegnungszentrum, aber auch die Uferpromenade, den Blick auf das Meer und die Musik der Schwarzmeerkapelle.

Nach einem ruhigen Erholungstag schultern wir am nächsten morgen wieder unsere Technik und fahren zu Pawel Alexandrowitsch, vorbereitet auf ein vorsichtiges Interview, nachdem wir schon am Telefon erfahren haben, dass es seinem Herz nicht so gut geht. Wie in unseren vorherigen Gesprächen finden wir auch in Pawel Alexandrowitsch einen Menschen mit sehr strukturiertem Denken und Erzählen. Sehr gefasst unterbricht er mitunter selbst das Interview um nachzufragen wie detailliert er bestimmte Situationen, Bedingungen oder Erinnerungen beschreiben soll. Wir spüren, dass wir mit unseren Fragen sehr vorsichtig sein müssen, um ihn nicht zu sehr aufzuwühlen. Zugleich möchte er wiederum auch uns bestimmte Erlebnisse und Erfahrungen nicht mitteilen, um uns junge Leute zu schonen und eine unbelastete Offenheit für internationales Verständnis zu ermöglichen, wie er sagt. Unsere beiden Gastgeber strengt unser Besuch sehr an und so möchten wir sie nicht zu lange fordern. Doch kaum haben wir unser Interview beendet, gibt uns Herr Petschenko erst einmal eine ausführliche Einführung in die Ukrainische Literatur und insbesondere die Werke Schewtschenkos, der uns in den vergangenen Tagen immer wieder auf Straßenschildern begegnet war. So wird es doch ein beschwingter, kultureller und optimistischer Abschied, der uns am Nachmittag zurück in die Straßen der Stadt und Parks trägt. Zu den öffentlichen Anlagen die wir suchen und entdecken gehört unter anderem das Denkmal für die deportierten Juden von Odessa und die Allee der Gerechten. Wir finden die Orte umschlossen von Großstadtverkehr und fast ergänzt könnte man sagen von Kinderspielplätzen. Die Denkmale erscheinen noch recht jungen Ursprungs zu sein und die Blumen und Kränze zeugen von einer kürzlichen Gedenkveranstaltung. Die Umgebung und das alltägliche Treiben im Umfeld sind schwer zu beschreiben in der Atmosphäre die sich uns zeigt, aber auf jeden Fall widerspiegelt, dass welchen Platz die Erinnerung an den Holocaust in der Ukraine einnimmt.

Pawel Aleksandrowitsch
Zu Gast bei Pawel Aleksandrowitsch und seiner Frau in Odessa

Mit diesen Eindrücken neigt sich unsere zweiwöchige Reise dem Ende, doch vor einem Abschied aus dem weiten Land von Karpaten bis zum Schwarzen Meer, müssen wir dorthin – ans Meer. Des Gepäcks halbwegs entledigt suchen wir in den letzten weniger als 20 Stunden ca. 70km von Odessa am Schwarzen Meer bei Zatoka Ruhe zum Nachdenken und Erden. Der frische Wind und das Meeresrauschen lassen die Gedanken schweifen, die Erlebnisse der letzten Tage zu ordnen und zu sammeln. Mit Frühstück verabschieden wir uns am Samstagmorgen bei Sonnenaufgang vom Meer und treten die Rückreise nach Odessa an. Wir schlendern zum Abschluss über den unendlichen Wochenmarkt. Mit Vollgepäck und einer letzten Wassermelone geht’s auf die 15 stündige Rückreise nach Kiew, weiter zum Flughafen und mit wertvollem Filmgepäck und noch unfassbaren Eindrücken zurück nach Deutschland.

Über die Dankbarkeit über das erlebte, die Erfahrungen, Gespräche und Erlebnisse hinaus danken wir ganz besonders den Organisationen die uns dies ermöglichten, neben der EVZ der Stiftung West-Östliche-Begegnung (www.stiftung-woeb.de).

Offener Brief zur aktuellen Ausschreibung der Geschichtswerkstatt Europa „Pfade der Erinnerung“

Sehr geehrte Damen und Herren,

unser Projekt „Die Zukunft der Zeitzeugen“ wird im Rahmen des Förderprogramms der Geschichtswerkstatt Europa mit Hilfe von Mitteln der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) im Jahr 2009 realisiert.
Aus dieser Position heraus möchten wir Stellung zur neuen Ausschreibung „Pfade der Erinnerung“ der Geschichtswerkstatt Europa für 2010 nehmen. Diesen Brief betrachten wir dabei als Teil des „Dialogs über europäische Erinnerungskulturen“, der durch die Geschichtswerkstatt Europa gefördert werden soll. Eine Förderung durch die Stiftung EVZ ist unseres Erachtens nach nicht gleichbedeutend mit einer Meinungskongruenz in Bezug auf die Interpretation von Geschichte und die offenen Diskurse der Historiografie. Dennoch befremden uns der Text und das damit vermittelte Geschichtsbild so sehr, dass wir, die wir unser Projekt dankenswerterweise aus Mitteln der Stiftung EVZ finanzieren, diesen – gerade als Beteiligte und auch mit Hinblick auf unsere Kooperationspartner, die sich dezidiert und differenziert mit den NS-Massenverbrechen und der Shoah befassen – nicht unkommentiert lassen möchten. Einige von uns haben bereits beim „Treffen an der Oder“ im April 2009 zentrale Kritikpunkte angesprochen und zur Diskussion gestellt, wobei dies anscheinend lediglich wahrgenommen, aber nicht reflektiert wurde, so dass wir uns nun schriftlich dazu äußern wollen.

Uns ist durchaus bewusst, dass eine solche Ausschreibung recht offen formuliert sein muss, um einem möglichst breiten Spektrum an Projekten eine Teilnahme zu ermöglichen.
Es ist für uns jedoch nicht mehr nachvollziehbar, mit welch undifferenzierter Terminologie gearbeitet und was für ein Geschichtsbild damit geformt wird.
So ist für uns nicht ersichtlich, welchen historischen Erkenntnisgehalt die Kategorie „kollektive Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts“ trägt und vor allem, mit welchem Inhalt der offensichtlich zentrale Begriff „Zwangsmigration“ gefüllt sein soll. Folgt man dem Ausschreibungstext, bezieht dies „Deportation, Flucht, Evakuierung, Umsiedlung, Auswanderung, Repatriierung, Vertreibung u.a.“ mit ein. Zentrale nationalsozialistische Verbrechen wie die Verschleppung von ZwangsarbeiterInnen nach Deutschland, darunter viele mit dem Ziel der „Vernichtung durch Arbeit“, vor allem aber die Ausplünderung, Ghettoisierung und Ermordung der Juden Europas werden mit dieser Definition entweder zur „Migration“ bzw. „u.a.“ bagatellisiert oder aber außen vor gelassen. Zwangsmigration ist ein Begriff, der sich sicherlich in die Historiografie einbinden ließe, vor allem hinsichtlich der Irrwege und Erfahrungen Überlebender – der Shoah und der Zwangsarbeit –, die nach 1945 in DP-Camps auf die Repatriierung und zumeist auf die Auswanderung warteten. Sie waren MigrantInnen nicht aus freien Stücken, sondern sahen keine Zukunft in Deutschland, in Europa oder ihren früheren Heimatländern.
Hinzu kommt, dass im Text das Paradigmatische des Holocaust im Vergleich mit Verbrechen an anderen Bevölkerungsgruppen in keinster Weise beachtet wird.
Wer genau ist mit „Überlebende und Nachgeborene“ gemeint? Da keinerlei Kontextualisierung vorgenommen wird, muss davon ausgegangen werden, dass hier Opfer- und TäterInnenrollen vermischt werden können.

All dies ist für uns nicht teilbar, handelt es sich bei der Geschichtswerkstatt Europa doch um ein Förderprogramm, welches sich aus Mitteln des Fonds für die Entschädigung ehemaliger NS-ZwangsarbeiterInnen finanziert.

Durch eine solch undifferenzierte Parallelisierung verschiedener historischer Zusammenhänge wird keineswegs ein kritisches Geschichtsbewusstsein gefördert, sondern eine langfristige Relativierung möglich. Die Entkontextualisierung historischer Phänomene, die Verschleierung von konkreten Sachverhalten, Taten, TäterInnen aber auch Opfern hinter Begriffen wie „Gewalterfahrungen“ führt zu einer ahistorischen, anthropologisierenden Deutung von Geschichte, die nicht das Ziel einer europäischen Geschichtswerkstatt sein sollte.

TeilnehmerInnen von „Die Zukunft der Zeitzeugen“ im August 2009

JfD im ITS Bad Arolsen (2)

Das nach vorne verlängerte Wochenende 06.08.09 bis zum 09.08.09 verbrachte ein Teil der am Projekt Beteiligten (Team Frankreich und Team Israel) in Bad Arolsen bei einem Besuch bei einem unserer Kooperationspartner, dem Internationalen Suchdienst (ITS).
Susanne Urban, die bis vor kurzem noch unsere Ansprechpartnerin bei der Internationalen Schule für Holocaust Studien Yad Vashem war, und nun die Forschungsabteilung beim ITS leitet, hatte sich ein reichhaltiges und äußerst interessantes Programm für uns überlegt. Unser Besuch begann (aufgrund unseres Verschuldens) mit leichter Verspätung, aber in herzlicher Atmosphäre beim Zusammentreffen mit einigen MitarbeiterInnen des ITS. Sowohl der Leiter des Suchdienstes, Herr Blondel, als auch Frau Siebert (Leiterin der Abteilung Humanitäre Anfragen), Herr Jost (Leiter des Archivs) und Susanne Urban (Leiterin der Abteilung Forschung) hatten sich viel Zeit genommen, um uns zu treffen und sich zunächst unser Projekt näher erläutern zu lassen. Anschließend bekamen wir eine Einführung in Geschichte, Struktur und Arbeitsweise des ITS. Beeindruckt waren wir nicht nur von der Reichhaltigkeit des im ITS vorhandenen Materials und den kompetenten Ausführungen und Antworten auf unsere Fragen, sondern auch von der freundschaftlichen Atmosphäre und dem großen Interesse, das uns ebenso entgegengebracht wurde.
Herr Jost führte uns nach der Mittagspause durch die verschiedenen Bereiche des Archivs, wobei er es immer verstand, zusätzlich zu den allgemeineren Erläuterungen besonderen Bezug auf den Komplex Mittelbau-Dora zu nehmen. Dabei wurde deutlich, welche Möglichkeiten in diesem Archiv bestehen, die Aspekte zu betonen, die in so vielen Ausstellungen, Projekten, Publikationen etc. herausgearbeitet werden sollen: Einerseits die ungeheuren Dimensionen der Massenverbrechen an Millionen Menschen, als auch – nur einen Griff in die Akten entfernt – das konkrete Einzelschicksal der Opfer. So „erschlagen“ man sich von der schieren Masse an Dokumenten fühlt, so berührt ist man von den persönlichen Geschichten, die sich mit jedem Stück Papier verbinden.
Der Abend klang dann mit einem gemeinsamen Abendessen mit Susanne Urban in Bad Arolsen aus.

Am nächsten Tag begannen wir mit einer Einführung von Frau Domenicus zu den vielfältigen Recherchemöglichkeiten im Archiv des ITS. Danach arbeiteten wir mehrere Stunden in Kleingruppen zu unseren Interviewpartnern, die wir für das Projekt besuchen wollen. Dabei waren wir überrascht, welche Fülle von Materialien wir finden konnten. Diese werden unser Projekt unglaublich bereichern und insofern es unsere Gesprächspartner wünschen und nicht schon selbst Anfragen diesbezüglich gestellt haben, können wir ihnen und ihren Familien diese Materialien auch zur Verfügung stellen.
Ein anschließender Termin mit Frau Flor von der PR-Abteilung ermöglichte es uns, unser Projekt und die Kooperation mit dem ITS weiterhin bekannt zu machen.
Am Nachmittag zeigte uns Susanne Urban dann noch in einem Nachbarort von Bad Arolsen einen lokalen Gedenkort, der sich an der Stelle des früheren jüdischen Friedhofs befindet. Er wurde ursprünglich 1948 angelegt, über die Jahre jedoch vernachlässigt und überwuchert. Erst in jüngster Zeit wurde die Anlage auf Initiative einer Einzelperson restauriert und ist nun wieder zugänglich.
Am Abend waren wir privat bei Susanne Urban eingeladen, wo uns ein wunderbares Abendessen in freundlicher Atmosphäre und bei guten Gesprächen erwartete.
Besonders ihr, aber natürlich auch allen anderen MitarbeiterInnen des ITS sei an dieser Stelle für alles gedankt. Team Frankreich reiste am Samstag Morgen wieder gen Leipzig ab, während Susanne Urban mit Team Israel noch einen eintätigen Workshop zur Erinnerunskultur in Israel durchführte…

Martin
für
Team Frankreich

Fotos der Reise nach Polen

Denkmal des Warschauer Aufstands
Denkmal des Warschauer Aufstands

Gedenkstein jüdisches Ghetto Warschau
Gedenkstein jüdisches Ghetto Warschau

Gefängnismuseum Pawiak
Gefängnismuseum Pawiak

Grab des unbekannten Soldaten
Grab des unbekannten Soldaten

Herr Jasinski 1
Herr Jasinski I

Herr Jasinski 2
Herr Jasinski II

Herr Sciezinski
Herr Sciezinski

Herr Wach
Herr Wach

Herr Wach & Familie
Herr Wach & Familie

Interviews
Interviews

Museum des Warschauer Aufstands
Museum des Warschauer Aufstands

Radegast
Radegast

Reste des jüdischen Ghettos
Reste des jüdischen Ghettos

Reisebericht Polen

Nach intensiven Vorbereitungen sind wir im Juli 2009 zu unserer 9tägigen Reise nach Polen aufgebrochen, um drei Überlebende des KZ-Mittelbau-Dora in Warschau und Tuszyn zu interviewen.
Das Resultat unserer Reise sind 24 Stunden Filmmaterial, faszinierende Eindrücke und Begegnungen, vielfältige Erkenntnisse und neue Freundschaften.

Angedacht war, die Zeitzeugen jeweils drei Tage zu begleiten, um sie und ihr persönliches Umfeld näher kennen zu lernen, sie zu ihrem Leben zu interviewen und sie zu ihren Vorstellungen und Wünschen über zukünftiges Erinnern zu befragen.
Die Idee konnte erfolgreich umgesetzt werden und die Ergebnisse haben unsere Erwartungen noch weit übertroffen.

Die Filmaufnahmen der Interviews zeigen nicht nur die bewegenden Lebensgeschichten dreier Einzelschicksale von Menschen, die während des 2. Weltkriegs in Konzentrationslagern inhaftiert waren, sondern dokumentieren auch die Vor- und Nachkriegsgeschichte bis heute.
Die Überlebenden berichteten über ihre Kindheit, den Ausbruch des 2. Weltkriegs, ihre Inhaftierung, die Lagerzeit und ihre Befreiung. Sie erzählten über ihren weiteren persönlichen Werdegang, über Ursachen und Folgen der politischen Umbrüche in Polen und welchen Einfluss diese auf ihr Leben hatten, über die Solidarnosc-Bewegung, über Entschädigungsdebatten und ihren Blick auf Deutschland. Sie sprachen auch darüber, wann und warum sie begannen, über ihre traumatischen Erlebnisse zu berichten, wie diese Berichte in der polnischen Gesellschaft und ihrem persönlichen Umfeld wahrgenommen und verarbeitet wurden, und wie sie sowohl die deutsche als auch die polnische offizielle Erinnerungspolitik bewerten.

Unsere anfängliche Befürchtung, die Fragen zur aktuellen und zukünftigen Erinnerungspolitik seien zu abstrakt, wurden nicht bestätigt.
Alle drei Befragten sind in Überlebendenorganisationen tätig und setzen sich für die Rechte und Forderungen ehemaliger Häftlinge ein. Es mag unter anderem auch in diesem Umstand begründet sein, dass sie ohne Probleme eine gut strukturierte und durchdachte Einschätzung heutiger und zukünftiger Herausforderungen in diesem Bereich geben konnten. Ihre detaillierten Zukunftsvorstellungen und ihr wohl reflektiertes Problembewusstsein waren beeindruckend…

Neben den Interviews hatten wir auch die Gelegenheit, die Familien der Zeitzeugen kennen zu lernen und sie über ihre Einschätzungen und Meinungen zu befragen. Wir besuchten außerdem gemeinsam mit Überlebenden das Museum des Warschauer Widerstands sowie persönliche Erinnerungsorte. Auf diese Weise war es uns möglich, die Erzählungen und Ereignisse mit konkreten Orten zu verbinden und umfangreiches Material für die spätere Filmdokumentation zu sammeln.

Eine weitere wichtige Begegnung war das Treffen mit unserem Kooperationspartner, der Stiftung für Polnisch-Deutsche-Aussöhnung. Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes nahmen wir die Möglichkeit war, unsere Zusammenarbeit zu konkretisieren und weitere gemeinsame Projekte zu besprechen. Die Mitarbeiter der Stiftung, Herr Rojkowski und Frau Golotažs, begleiteten uns während der Interviews. Durch ihre ausgezeichnete Übersetzungsarbeit und ihre Sensibilität für diese Thematik haben sie entscheidend zum Erfolg dieser Reise beigetragen, wofür wir ihnen herzlich danken möchten.

In der verbleibenden freien Zeit setzten wir unsere „Spurensuche“ nach historischen Orten fort. So besuchten wir das Gefängnismuseum „Pawiak“, in dem alle drei Interviewpartner nach ihrer Verhaftung inhaftiert und misshandelt wurden. Wir suchten nach den letzten sichtbaren Resten des jüdischen Ghettos und besichtigten zahlreiche Denkmäler wie das Grab des unbekannten Soldaten, das Denkmal des Warschauer Aufstands und das Denkmal des kleinen Aufständischen.
Durch den Besuch des städtischen Museums konnten wir unser Wissen über die Warschauer Stadtgeschichte um zahlreiche Fakten erweitern. Die Ausstellung informierte angefangen von den Gründungsmythen, über die frühe, mittlere und neuere Geschichte, bis hin zur systematischen Zerstörung der Stadt durch die Deutschen und den folgenden Wiederaufbau nach Gemälden von Canaletto und endete mit der Solidarność-Bewegung.
Bei unseren Erkundungstouren durch die Stadt hatten wir auch die Möglichkeit noch weitere zahlreiche Monumente und Denkmäler zu besichtigen, die beispielsweise an Chopin, Mickiewiticz oder Kopernikus erinnerten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass uns die bewegenden Erlebnisberichte und persönlichen Erinnerungen verwoben mit der offiziellen Darstellung geschichtlicher Ereignisse eine vielschichtige und differenzierte Betrachtung polnischer Erinnerungskultur und Geschichte ermöglichten. Eine Erfahrung von unschätzbarem Wert.

Leider verging die Zeit viel zu rasch. Nach neun ereignisreichen Tagen mussten wir bereits wieder die Heimreise antreten. Für vieles blieb keine Zeit mehr.
Die Eindrücke und Erinnerungen, die wir mit nach Hause nehmen, sind nichtsdestotrotz zahlreich und unwiederbringlich.
In besonderer Erinnerung wird uns die Offenheit, Freundlichkeit und Geduld unserer Interviewpartner und ihrer Familien bleiben, die dieses Interviewprojekt nicht nur erst ermöglicht haben, sondern es auch noch durch ihre Gastfreundschaft und zahlreiche polnische Spezialitäten versüßten.

Zeitraum: 18.07.-26.07.09
Teilnehmer: Johanna, Anja, Roman, Carmen

JfD im ITS Bad Arolsen (1)

Pressemitteilung aus dem ITS Bad Arolsen zu unserer Kooperation und unserem Besuch dort am Wochenende:
>klick<

Ein Bericht unserer Reisegruppe folgt…

Update 12.08.:
Auch die Hessische/Niedersächsische Allgemeine berichtet.

Die Hessische/Niedersächsische Allgemeine und die Waldeckische Landeszeitung vom 12.08.2009.

Schokolade und Gastfreundschaft – Wir haben Albert van Hoey besucht!

Ja, zugegeben dieser Beitrag kommt später als geplant, erwartet und vereinbart.
Dafür ein großes ‚Tut mir leid!‘, aber dieser Besuch in Belgien musste noch etwas nachbereitet und verarbeitet werden. Doch nicht im negativen, sonder im positiven Sinn, denn mit so viel Gastfreundschaft, Liebe und Fürsorge haben wir nicht gerechnet.

Die Fahrt nach Belgien (genauer: Stekene) war die letzte von Jugend für Dora geplante Reise für das Zeitzeugenprojekt, dennoch die erste, die gestartet wurde. Die Idee, nach Belgien zu fahren und Albert van Hoey zu interviewen kam dem Verein einige Tage nach der Gedenkfeier zum 64. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora.
Zu dieser Gedenkveranstaltung trug der Vorsitzende des Häftlingsbeirats der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora Albert van Hoey in seiner Rede das Vermächtnis der Überlebenden der Konzentrationslager vor. Das Vermächtnis der Überlebenden bezieht sich auf die Zeit und das Leben der Menschen nach den Befreiungen der Konzentrationslager, aber vor allem geben die Überlebenden ihre Vorstellungen und Wünsche an die folgenden Generationen weiter. Auch im Bezug auf das Gedenken in der Zukunft – ohne Zeitzeugen.

Albert van Hoey ist als Vorsitzender des Häftlingsbeirats der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora aktiv und wurde auch von der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora über seine Lebensgeschichte interviewt. Wir haben uns, nach den Worten, die er an die nachfolgenden Generationen gewandt hat, gefragt, in welchen Zusammenhang seine Lebensgeschichte und seine Gedanken über „die Zukunft der Zeitzeugen“ stehen.
Beim Telefonat schließlich, reagierte Albert van Hoey sehr freudig auf unsere Anfrage nach einem Interview und lud uns zu sich ein. Er kümmerte sich gleich um Unterkunft und Verpflegung für uns.

Zugegeben verlief die Vorbereitung des Teams Belgien ähnlich spontan und ungeplant, denn nur zwei Wochen vor Beginn stand die Teambesetzung fest: Martin Nekwasil, Ruben Kolberg, Oliver Mahrle, Jenny Linde und Anika Uthleb.

Am Vormittag des 03. Juli 2009 gegen 11.00 Uhr startete die Reise von der Gedenkstätte in Nordhausen in Richtung Stekene nach Westen.
Zu der Autofahrt sind hier folgende Zahlen zu vermerken: 5 Personen – 1 Auto – gefühlte 40 Grad Celsius.
Da Albert van Hoey uns im Vorfeld einen Brief mit einer sehr guten Wegbeschreibung (von Nordhausen beginnend! – typisch Lehrer :) ) geschickt hat, war das Zurechtfinden gar nicht so schwer. Während der Fahrt waren wir auch telefonisch in Kontakt mit ihm.
Um 19.00 Uhr kamen wir dann in Stekene an. Wir mussten uns nur an den Hausnummern „entlang hangeln“ – bis wir tatsächlich noch am Häuschen vorbei gefahren sind, es aber noch in einem Moment, geprägt von der Freude über das Ankommen und der Nervosität die Familie kennen zu lernen, rechtzeitig bemerkt haben.

Beim Einbiegen auf das Grundstück mit Backsteinhäschen und viel Grün sahen wir sie schon – Albert van Hoey, seine zwei Töchter, sein Sohn sowie die Partner der „van-Hoey-Kinder“ versammelt im Garten um den Teich. (Später sollten wir noch erfahren, dass der Teich eines von Albert van Hoeys vielen Interessen ist und die Fische sehr auf ihn fixiert sind.)
Mit Tomaten-Feta-Häppchen und einer herzlichen Begrüßung wurden wir empfangen. Getränke wurden gereicht und sofort fühlten wir uns sehr willkommen bei der Familie van Hoey. Zum Abendessen wurde für uns Quiche Lorraine und Salat vorbereitet. Obwohl das jetzt kitschig klingen mag, aber das gemeinsame Abendessen glich einem bunten Familientreffen. Es gab keine Kommunikationsprobleme, nicht nur aufgrund der guten Deutschkenntnis, mehr noch, weil es uns in unserer „Gastfamilie“ nicht schwer viel zu reden, zu diskutieren und zu lachen. Nach einem langen Tag und einem schönen Abend verabschiedeten wir uns gegen 23.00 Uhr alle voneinander.
Hadewijch, die jüngste Tochter, und ihr Mann Elie führten uns zu ihrem Haus in den übernächsten Ort, denn dort konnten wir schlafen. Es ist schon nicht selbstverständlich, dass die Familien, die wir besuchen, sich um unsere Unterkunft kümmern, aber wenn dann das Abendbrot bei der Ankunft bereit steht, die Betten schon gemacht sind und die Versorgung besser (vor allem herzlicher) als in einen Hotel ist, dann fehlen uns an dieser Stelle die Worte.
Elie und Hadwijch kümmerten sich um uns, wie sie es wohl mit ihren Kindern machen, die an diesem Wochenende zu Studium waren. Wir wurden vor dem zu Bettgehen zum Wein eingeladen und haben mit unseren „Gasteltern“ bis in die Nacht geredet.
Der Morgen wurde ebenso luxuriös gestaltet, wie der Abend zuvor. Frühstück und Bademäntel für den Pool erwarteten uns nach dem Aufstehen…
Nun könnte man annehmen, dass wir in Belgien waren, um Urlaub zu machen und so fühlten wir uns – wie im Urlaub.
Doch wir wollten Albert van Hoey nicht warten lassen und doch wurden wir in diese unangenehme Situation gebracht, da unser Auto die Fahrt nicht ohne Schade überstanden hat. Das Kupplungsseil war gerissen. Auch hier halfen uns Elie und Hadewijch, denn während sie sich mit Ruben um die Reparatur kümmerten, durften die anderen vier Jugend für Dora-Mitglieder ihr Privatauto nutzen.
Mit einer geringen Verspätung traf Jugend für Dora am Samstag, dem 04. Juli 2009, bei Albert van Hoey zu Interview ein.
Gemeinsam mit ihm klärten Martin und ich Raum und Ablauf , während Oliver und Jenny die Technik aufbauten.

Da ich während des Interviews Notizen gemacht habe, können wir an dieser Stelle Auszüge wiedergeben, die mich sehr beeindruckt haben:

Es ist so schön, dass Menschen wahre Liebe für einander empfinden. Das auffallendste an Albert van Hoey ist die Liebe zu seiner Frau. Sie sei Grund, warum er die KZ-Haft überlebt habe. Er habe sich immer wieder gesagt „du musst stark sein Albert, dein Mädchen wartet auf dich!“. Dreizehn Monate habe sie auf ihn gewartet und habe so ein starkes Verlangen gehabt, sie wieder zu sehen. Wenn er von ihr erzählt, ist er so glücklich. Dieses Glück verschwindet ganz plötzlich, wenn ihm beim erzählen bewusst wird, dass seine Frau verstorben ist. „Sie war der schönste Mensch. Nicht nur äußerlich, sondern auch von innen. So hilfsbereit. Die Leute haben sie geliebt.“ Nach ihrem Tod habe er nicht weiter gewusst, erzählte er. Bis zum Tag, als einer seiner Enkel zu ihm kam und ihm daran erinnerte, dass er jetzt nicht Opa, sondern auch Oma sein müsse. „Das hat mir Kraft gegeben!“
Seine Familie besteht aus seinen fünf Kindern, seinen 17 Enkeln und den 12 Urenkeln (Nummer 13 ist unterwegs). Die Familie sei ihm das Wichtigste. Sie habe ihm geholfen die Zeit im Konzentrationslager zu verarbeiten. Aber auch sein Glaube habe ihm Mut gemacht. Er ist katholisch erzogen wurden und das habe ihn geprägt. Das Gedenken sei ihm deshalb so eine Stütze. Eine bestimmt Art zu Gedenken gebe es aber nicht. Jeder solle das so tun, wie es dem Einzelnen hilft. Doch, dass Gedacht wird, sei notwendig. „Die Welt braucht Andacht!“
Die Gedenkfeier am 09. April habe ihm sehr gefallen, vor allem dass junge Menschen anwesend waren und Kränze getragen haben.

Ruben kam wieder, als wir mit dem Interview fast fertig sind. Natürlich hat Hadewijch auch für Mittag und Kaffee gesorgt und wir wurden in den Interviewpausen verwöhnt mit Schokolade, Brot, Suppe, Käse, Obst und noch viel mehr Leckereien. Beim Kaffeetrinken erzählte uns Albert van Hoey dann von seiner Leidenschaft für Süßigkeiten. Nutella möge er am liebsten. Jeden Tag nimmt er einen Löffel und taucht ihn in das Nutellaglas.
Dieser Moment war so unscheinbar wie einzigartig. Albert van Hoey, ein Mann, der so viel erlebt hat, 13 Monate im Konzentrationslager inhaftiert gewesen ist, Leid und Elend gesehen und erlebt hat, gereist ist, die wahre Liebe gefunden und vor einigen Jahren wieder verloren hat, eine tolle Familie gegründet hat, unendlich viele Interessen hat, sitzt mit uns in seinem Garten und erzählt uns vom wundervollen Haselnussgeschmack der Nutelllacreme.

Das Interview war sehr erschöpfend. Und wir sind so dankbar, dass Albert van Hoey durchgehalten hat.

Seine Tochter Hadewijch holte uns vom Haus ihres Vaters wieder ab und gemeinsam fuhren wir einkaufen, um am letzten gemeinsamen Abend zu kochen. Da wir Jugend für Dora- Mitglieder wenn es um das Essen ging, nicht ganz so pflegeleicht gewesen sind, entschied Hadewijch, dass wir uns etwas aussuchen dürfen, solange wir mitkochen. Dieses Angebot nahmen wir natürlich an und so verbrachten wir unseren letzten Abend in Belgien wieder in einer familiären Atmosphäre – bei gutem Wein, Diskussionen und Nudeln mit einer selbst kreierten Tomatensauce.

Der Abschied am nächsten Morgen fiel uns ehrlich gesagt etwas schwer, denn bei diesen lieben Menschen wären wir gern länger geblieben.
Von Hadewijch und Elie versogt mit Pausenbroten und Kühlakkus traten wir die Heimreise an: 5 Personen – 1 Auto – gefühlte 40 Grad Celsius – und um viele Erfahrungen reicher zurück nach Nordhausen.

Vielen Dank an Albert, Hadewijch und Elie!

Traurige Nachricht

Soeben erreichte uns die traurige Nachricht, dass einer der ehemaligen Häftlinge aus Frankreich, den wir um eine Teilnahme am Projekt angefragt hatten, am Donnerstag im Alter von 87 Jahren verstorben ist. Erst diese Woche hatten wir unseren zweiten Brief an ihn geschickt.
Das macht betroffen, zeigt aber auch zugleich wie wichtig es ist, gerade jetzt das Projekt durchzuführen.

Martin
für
Team Frankreich

Kameraworkshop / 64. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora

Am 7. April 2009 fand im Vorfeld des 64. Jahrestages der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora unser vereinsinterner Kameraworkshop in der Gedenkstätte statt. Von Martin N. organisiert kamen neben dem Leiter des Workshops Michael Heinz vom Leipziger SAEK neun TeilnehmerInnen zusammen, um das technische Know-How für unsere Interviews zu erlernen. Dank dem vom Offenen Kanal Eichsfeld zur Verfügung gestellten Equipment konnten wir in kleinen Gruppen an mehreren Kameras und Beleuchtungsausstattungen üben. Neben neu erlerntem Fachjargon („Führung und Kante“) konnte bald festgestellt werden: „Wow, sieht aus wie bei Guido K.!“. Was freilich nicht unser Ziel ist, aber doch Mut macht, dass man auch mit bescheidenen Mitteln professionelle Aufnahmen machen kann.
Am darauf folgenden Tag hatten wir direkt die Möglichkeit, mit Herrn Leo Fontejn, einem ehemaligen Häftling des KZ Mittelbau-Dora, der jetzt in Australien lebt, ein Interview zu unserer speziellen Fragestellung durchführen und aufnehmen zu können. Am Donnerstag erklärte sich Avraham Lavi aus den USA dazu bereit, ein lebensgeschichtliches Interview mit Vereinsmitgliedern von „Jugend für Dora“ aufzuzeichnen, was für unsere Interviewer eine bewegende Erfahrung war.
Wie jedes Jahr nahm auch am 64. Jahrestag der Befreiung „Jugend für Dora“ an den Feierlichkeiten in der Gedenkstätte teil und betreute die Überlebenden, die zu diesem Anlass nach Nordhausen gekommen waren. Am Abend fand ein Abendessen statt, bei dem Doro den Verein, Francesca unsere Workcamps, sowie Josephine und Martin das Projekt „Die Zukunft der Zeitzeugen“ vorstellen konnten. Mindestens eine Einladung zu einem Überlebenden ergab sich direkt im Anschluß an jenen kurzen Programmpunkt.
Am Freitag begleiteten einige Vereinsmitglieder die ehemaligen Häftlinge auf einer Rundfahrt durch den Harz, während andere am Vormittag zusammenkamen, um die weitere Projektplanung voranzubringen.

Kameraworkshop_1

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Treffen an der Oder

Vom 2. bis 5. April 2009 nahmen Josephine und Martin für „Jugend für Dora e.V“, sowie Dr. Susanne Y. Urban als Vertreterin von Yad Vashem in Deutschland gemeinsam für das Projekt „Die Zukunft der Zeitzeugen“ am Treffen an der Oder teil. Fast 100 TeilnehmerInnen aus ca. 30 Projekten, die im Rahmen der Geschichtswerkstatt Europa von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gefördert werden, kamen in Frankfurt/Oder und Słubice zusammen, um ihre Vorhaben gut gerüstet auf den Weg zu bringen. Am ersten Tag ging es vor allem darum, gegenseitig in Kontakt zu kommen und sich mit einigen Formalien sowie dem Zeitplan bezüglich der Förderung näher vertraut zu machen. Am Freitag arbeiteten die TeilnehmerInnen in verschiedenen ganztägigen Workshops, wobei wir uns gemeinsam für „Oral history-Projekte mit Überlebenden des Holocaust, von Konzentrationslagern und Zwangsarbeit“ entschieden, da dieses Thema unser Projekt maßgeblich berührt.
Der dritte Tag war für die Arbeit in den einzelnen Projekten vorgesehen. Wir konnten einige wichtige Schritte für uns klären und verbrachten dabei einen wunderbaren ersten Frühlingstag auf der Dachterrasse des Collegium Polonicum. Außerdem konnte uns Franka Kühn, die bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, hilfreiche Tips für die PR bezüglich unseres Projektes geben.
Am Sonntag konnten wir an der Diskussion über die inhaltliche Ausrichtung der Geschichtswerkstatt Europa 2010 leider nicht komplett teilnehmen, da unser Zug uns bereits ab Mittag wieder Richtung Berlin brachte.
Trotz einiger Kritikpunkte und Differenzen in Bezug auf die Veranstaltung, die hier im einzelnen aber nicht erwähnt werden sollen, verbrachten wir in Frankfurt und Słubice ein spannendes und interessantes langes Wochenende mit guten Gesprächen und freundlichen neuen Kontakten.

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