Beiträge von Team Ukraine

Von Kastanien umsäumten Straßen empfangen

Den Auftakt unserer Reise in die Ukraine bildet der Nationale Feiertag zur Unabhängigkeit der Ukraine am 24. August. In den folgenden zwei Wochen lernten wir die Ukraine in aller Vielfalt kennen. Mit der Eisenbahn folgen wir dem Dnjepr bis nach Zaporizzja und zurück in Kiew erneut bis nach Odessa ans Schwarze Meer. Das große Land braucht Zeit zum Reisen und Entdecken der Geschichte, in den Städten und auf dem Land. Am häufigsten ist sichtbare Erinnerung dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Denkmäler für die Erinnerung an die Deportation zu finden ist schwierig, aber dafür tauchen wir in neue Geschichtsdimensionen ein zu denen beispielsweise der Afghanistan Krieg der Sowjetunion, die russische Revolution 1905 und auch der Aufstieg der sowjetischen Macht nach dem zweiten Weltkrieg gehört. In der Weite der Ausdehnung des Landes von städtischem und ländlichem Leben zwischen Industrie und Kleinbauerntum sind es unsere Gastfamilien die uns diesen Blick weiten, Gedanken und weitere Gespräche anregen und zum Verständnis helfen. In dieser Spannweite zwischen Hauptstadt und Land, Industrielandschaft und Schwarzmeerküste lernen wir das Leben unser Zeitzeugen aus sehr verschiedenen Lebensumständen, Situationen und geprägt von unendlich vielen Erfahrungen kennen.

Doch zurück zum Beginn der Reise in Kiew. Hier starteten wir am Nationalfeiertag mit einer Stadtbesichtigung die uns zu den großen Sehenswürdigkeiten führte, darunter zur Sophien Kathedrale (UNESCO Weltkulturerbe), dem Michaelskloster sowie der Andreaskirche, aber natürlich auch zum Kunstmarkt und dem Flusshafen am Dnjepr und längst nur einen ersten Eindruck ermöglichten. Abends spazierten wir durch das kunstvoll beleuchtete Zentrum Kiews, erfüllt von festlichen Menschen, Springbrunnen und den restlichem Ausstellungsaufgebot der morgendlichen Parade in Form von Panzern und Raketenträgern. Am Rande des Zentrums war es ein einziger Straßenmusiker am Europaplatz dem es gelang alle mitzunehmen auf ein spontanes Tänzchen oder zum Mitsingen.
Weiter auf den Spuren der ukrainischen Geschichte besichtigten wir am nächsten Tag die südlich des Zentrums gelegene Denkmal-Parkanlage bei der Mutter Heimat (Rodina Match). Die riesige 60 Meter hohe Muttergestalt-Skulptur überragt ein hektarweites Gelände. Zu ihren Füßen finden sich neben Kämpfer-Skulpturen und alten Panzern im Umfeld ein Denkmal und Museum für die Hungersnot von 1932/ 33 (Holodomor), für den unbekannten Soldaten sowie auch für die Opfer des Afghanistan Krieges in den 1980er Jahren.

Von der Stadt aufs Land

Die monumentale Musik zurücklassend gehen wir mit dem Enkel unseres ersten Zeitzeugens auf Überlandpartie in das ca. 80km südlich von Kiew gelegene Dörfchen Chaltscha und landen mitten auf dem kleinen Bauernhof der Familie Koschan. Umgrenzt von Linden, Birken und Büschen, von Hühnern, Puten, Katzen und einem Hund belebt, begrüßten uns unsere Gastgeber herzlich, was sich alsbald in einem großen Mittagsmahl mit frischen Gartenfrüchten, ukrainischen Spezialitäten und immer neuen Überraschungen herausfordert. In den kommenden zwei Tagen werden wir immer wieder Neues kennenlernen und überrascht sein, was sich weitab vom mitteleuropäischen Konsum allein aus diesem Hof und Garten herstellen lässt. Das Essen wird und bleibt ein Kernbestandteil der großen Gastfreundschaft der gesamten Reise.
Am Ende des langen Tages finden wir unsere Nachtruhe in dem kleinen Häuschen, in den Gästebetten der Kinder und Enkel von Vladimir Stepanowitsch und seiner Frau. So werden wir für einige Tage ganz Teil der Familie Koschan, ihres Lebens und jeden Schrittes ihres Tagesablaufs, der immer wieder Überraschungen beinhaltet. So taucht am nächsten morgen kurz vor Beginn unseres ersten Interviews ein weiterer ehemaliger Häftling des KZ Mittelbau-Dora und Ellrich auf. Mit dem Versprechen ihn später am Nachmittag zu besuchen, beginnen wir unser Interview mit Vladimir Stepanowitsch. Doch bevor er von seiner Deportation nach Deutschland, Zwangsarbeit und Straflager berichtet, erfahren wir viel über das Leben zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in der Ukraine. Wir sind beeindruckt von seinem unglaublichen Gedächtnis, aber vor allem auch der sehr strukturierten Erzählweise.

Stepanowitsch und Danielowitsch
Unsere Interviewpartner Vladimir Stepanowitsch und Ivan Danielowitsch

Ein reiches und ausführliches Mittagessen schlossen den langen Vormittag ab und öffnen die Gelegenheit zur Ruhe, vor allem für unseren „Opa“, denn wir brechen mitsamt unserer Technik quer durch den Wald zu unserem neuen Bekannten auf. Ivan Danielowitsch erwartet uns auf seinem kleinen abgelegenen Grundstück, wo er landschaftlich traumhaft, aber sehr allein lebt. Leider ist unsere Zeit sehr begrenzt. Doch in dem Moment wo er seine Geschichte zu erzählen beginnt, auch unwesentlich, denn er erzählt das, was ihm wichtig ist und wir haben die Chance dies aufzunehmen. Herkunft und Erlebnisse ähneln denen von Vladimir Stepanowitsch etwas, aber der Umgang mit der Erinnerung unterscheidet sich heute und schon in der Vergangenheit. Zu Gast im Land der Melonen gibt es auch bei ihm Sonnenmelone aus dem Garten und natürlich für Unterwegs noch eine große Ration an Wassermelonen. Die Landschaft liegt leicht im Abendnebel und erscheint etwas melancholisch bei der Rückkehr, aber vielleicht liegt dies auch an den Erlebnissen des Tages. Es bleibt nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn „daheim“ bei unserer Gastfamilie erwartet uns ein großer Schaschlik-Grill-Abend mit der ganzen Familie.
Mit dem Morgen naht schon der Abschied, doch zuvor haben wir noch ein zweites intensives Interviewgespräch über die Zukunft der Erinnerung und zum wirklichen Abschied ein riesiges Mittagsmahl. Zusammen mit der Tochter und dem Enkel fahren wir zurück nach Kiew und finden dort für eine weitere Nacht die Gastfreundschaft der Familie Koschan.

Familie Stepanowitsch
Die ganze Familie von Vladimir Stepanowitsch mit unserem Team Ukraine zum Abschied

Zurück in Kiew

Bevor die Reise uns weiter nach Süden führt, suchen wir ein weiteres Stück Ukrainischer, Kiewer Geschichte zu erkunden: die Gedenkstätte Babi Jar. In der Schlucht Babi Jar wurden Ende September 1943 innerhalb von 2 Tagen über 33.000 Juden erschossen und in den folgenden Monaten insgesamt über 150.000 Weißrussen, Ukrainer und Angehörige anderer Gruppen. Ein monumental-mächtiger Skulpturenkomplex erinnert an die Opfer des Krieges. Keine einzige Tafel informiert über die direkte Geschichte des Ortes, insbesondere die jüdische. Einige Gedenksteine im Umfeld lassen erkennen, dass die Großanlage der 1970er Jahre doch nicht alle Opfer einschließt. Ein jüdisches Gemeindezentrum soll hier entstehen. Die heute als Parkanlage gestaltete Fläche liegt durchaus im städtischen Zentrum und wirkt doch verlassen und nicht als Teil der öffentlichen Wahrnehmung.

Entlang des Dnjepr gen Süden

Mit diesem weiteren Baustein Geschichte und unserem Großgepäck steigen wir spät am Abend erstmals in einen Nachtzug gen Süden, entlang des Dnjepres nach Zaporizzja. Im komfortablen Coupé verbringen wir eine ruhige Nacht bevor wir um 6 Uhr mit Modern Talking „You are not alone“ aus dem Schlaf gerissen werden und wenig später im Bahnhof Zaporizzja einfahren, wo wir von Valery, dem Sohn von Herrn Suprun abgeholt werden. Vom modernen Zentrum geht es in eine Vorstadtsiedlung von vielerlei umrankten, farbig gestalteten Familienhäusern. Durch einen Tunnel aus Weinreben voller Trauben erblicken wir den liebevoll gedeckten Frühstückstisch mit den frisch angerichteten Kaviarhäppchen und das schon morgens um kurz nach sieben. Natürlich gibt es auch hier wieder frisches Obst und Gemüse aus dem Garten (Pfirsiche gerade vom Baum gepflückt!). Und bevor wir uns mit der „jüngeren Geschichte“ beschäftigen können, nimmt uns Valery mit zu den berühmten Orten der Stadt, zur Kosakenreiterei auf der 12km langen Dnjepr Flussinsel Chortiza und den ebenfalls dort gelegenen Skythengräber der Vorgeschichte, zum größten Staudamm des Flusses und überhaupt in eine beeindruckende Umgebung. Nachdem wir zurück wieder lecker zu Mittag gegessen hatten gehen wir auf einen ersten Kurzbesuch zu Papa Suprun und seiner Frau, die keine fünf Minuten Fußweg in der gleichen Siedlung leben. Opa Suprun zeigt uns den auch hier wieder sehr reichhaltigen Obst- und Gemüsegarten, den er mit seinen 83 Jahren noch selbst bewirtschaftet. Am Abend bekommen wir beim gemeinsamen Spaziergang in Zaporizzja mit Valery und seinen Söhnen einen Eindruck von der Industriestadt, dem endlos langen Lenin-Prospekt und eine Ahnung des Verlaufs der zweiten Weltkrieg in dieser von unseren Kenntnissen weit entfernten Landschaft.

Am Sonntagmorgen bereiten wir uns bei Opa Suprun auf das Interview vor. Valery hilft uns bei den vielen kleinen technischen Herausforderungen, die sich in den Steckdosen und Lichtverhältnissen äußern. Dann erzählt uns Pjotr Polikarpowitsch über seine Kindheit, die Deportation zuerst nach Auschwitz, dann nach Deutschland, nach Buchenwald und Dora, aber auch sehr viel, vor allem seine Meinung über den Umgang mit Geschichte und die heutige Wahrnehmung der Erinnerung bis hin zu den aus seiner Sicht möglichen Gefahren der Zukunft. Dazwischen schauen wir uns alte Fotos von Familienurlaub auf der Krim, von seiner Hochzeit, vom Sanatorium und auch von Treffen mit Kameraden an. Das Mittagessen zurück bei Valery von seiner Frau Aljona liebevoll und lecker zubereitet bringt eine Pause und die anschließende dreistündige Dnjeper-Rundfahrt um die Insel Chortiza weitere Einblicke in die Umgebung und Abwechslung bis zum Abschluss mit Grill-Schaschlikabend zurück im Garten der Suprun Junior-Familie in großer Runde.

Pjotr Polikarpowitsch
Im Gespräch mit Pjotr Polikarpowitsch

Anders als ursprünglich geplant, haben wir auch hier am nächsten morgen einen weiteren Freund von Herrn Suprun, Herrn Vladimir Maximowitsch kennen zu lernen und fast drei Stunden zu interviewen. Wie fast alle Hauseigentümer hat auch er reichliche Weinreben und lässt uns an der reichen Ernte sowohl der Trauben als auch des Weins vom letzten Herbst teilhaben.
Am Nachmittag sitzen wir zum Abschied wieder zusammen am reich gedeckten Tisch bei Valery und Aljona, die uns irgendwie jeden Wunsch versuchen abzulesen und zu erfüllen. Es gibt extra in der Konditorei bestellte Torte neben unzähliger selbst gemachter Leckerein.
Auf unseren Wunsch dürfen wir auch Valery interviewen, der bereits einmal mit seinem Vater in der Gedenkstätte in Mittelbau-Dora war. Wir haben ein sehr bewegtes, interessantes Gespräch, das aber auch bewusst macht, wie sehr seine Kindheit und Jugend von den Erlebnissen seiner Eltern und dem schwierigem Umgang mit jenen geprägt ist. Es gibt so viel zum Denken und Nachdenken was wir mit auf den Weg nehmen als wir uns dankbar von Valery und Aljona und ihren Söhnen Dima und Mischa verabschieden und abends wir in den Nachtzug gen Kiew steigen.

Wieder Nachtzug gen Norden

Spät erst verlassen wir nachts Zaporizzja und so erleben wir am Dienstagvormittag eine interessante Fahrt durch die weite Landschaft bis wir mittags wieder Kiew erreichen. Die Mitte unserer Reise ist überschritten und noch haben wir den Wunsch einen weiteren Überlebenden in Odessa zu besuchen, den wir auch angeschrieben hatten, aber bisher ohne Antwort waren. Mit Hilfe von Tanya, einer Studentin die uns durch die Gedenkstätte Buchenwald vermittelt worden war, finden wir den Kontakt zu Herrn Petschenko und sogar die Zusage für ein Gespräch und Interview. Anlass genug abends wieder in einen Nachtzug zu steigen, diesmal nach Odessa. Doch zuvor treffen wir uns mit Vitali, einem Mitarbeiter des Ukrainischen Zentrums für Holocaustforschung um uns über die Arbeit, aber viel mehr noch den Umgang mit der Erinnerungskultur in der Sowjetunion und heutigen Ukraine auszutauschen und neue Kontakte zu finden.

Odessa am Schwarzen Meer

Nach einer ruhigen Nacht und ungefähr 500km Zugfahrt erreichen wir am Mittwochmorgen Odessa und finden schnell eine tolle Unterkunft in einem schönen Apartment im Stadtinneren. Alsbald besuchen wir Pawel Alexandrowitsch und seine Frau um sich etwas kennen zu lernen und sind auch gespannt, denn bereits 2001 hatte Jugend für Dora ein erstes Interview mit ihm gemacht, als er in jenem Jahr im April die Gedenkstätte besuchte. Anders als unsere ländlichen Gesprächspartner bewegen wir uns hier in einem modernen städtischen Kontext und ebensolchen Leben. Entsprechend nutzen wir den Nachmittag für einen Besuch in einem kleinen privaten jüdischen Museum, entdecken ein jüdisches Begegnungszentrum, aber auch die Uferpromenade, den Blick auf das Meer und die Musik der Schwarzmeerkapelle.

Nach einem ruhigen Erholungstag schultern wir am nächsten morgen wieder unsere Technik und fahren zu Pawel Alexandrowitsch, vorbereitet auf ein vorsichtiges Interview, nachdem wir schon am Telefon erfahren haben, dass es seinem Herz nicht so gut geht. Wie in unseren vorherigen Gesprächen finden wir auch in Pawel Alexandrowitsch einen Menschen mit sehr strukturiertem Denken und Erzählen. Sehr gefasst unterbricht er mitunter selbst das Interview um nachzufragen wie detailliert er bestimmte Situationen, Bedingungen oder Erinnerungen beschreiben soll. Wir spüren, dass wir mit unseren Fragen sehr vorsichtig sein müssen, um ihn nicht zu sehr aufzuwühlen. Zugleich möchte er wiederum auch uns bestimmte Erlebnisse und Erfahrungen nicht mitteilen, um uns junge Leute zu schonen und eine unbelastete Offenheit für internationales Verständnis zu ermöglichen, wie er sagt. Unsere beiden Gastgeber strengt unser Besuch sehr an und so möchten wir sie nicht zu lange fordern. Doch kaum haben wir unser Interview beendet, gibt uns Herr Petschenko erst einmal eine ausführliche Einführung in die Ukrainische Literatur und insbesondere die Werke Schewtschenkos, der uns in den vergangenen Tagen immer wieder auf Straßenschildern begegnet war. So wird es doch ein beschwingter, kultureller und optimistischer Abschied, der uns am Nachmittag zurück in die Straßen der Stadt und Parks trägt. Zu den öffentlichen Anlagen die wir suchen und entdecken gehört unter anderem das Denkmal für die deportierten Juden von Odessa und die Allee der Gerechten. Wir finden die Orte umschlossen von Großstadtverkehr und fast ergänzt könnte man sagen von Kinderspielplätzen. Die Denkmale erscheinen noch recht jungen Ursprungs zu sein und die Blumen und Kränze zeugen von einer kürzlichen Gedenkveranstaltung. Die Umgebung und das alltägliche Treiben im Umfeld sind schwer zu beschreiben in der Atmosphäre die sich uns zeigt, aber auf jeden Fall widerspiegelt, dass welchen Platz die Erinnerung an den Holocaust in der Ukraine einnimmt.

Pawel Aleksandrowitsch
Zu Gast bei Pawel Aleksandrowitsch und seiner Frau in Odessa

Mit diesen Eindrücken neigt sich unsere zweiwöchige Reise dem Ende, doch vor einem Abschied aus dem weiten Land von Karpaten bis zum Schwarzen Meer, müssen wir dorthin – ans Meer. Des Gepäcks halbwegs entledigt suchen wir in den letzten weniger als 20 Stunden ca. 70km von Odessa am Schwarzen Meer bei Zatoka Ruhe zum Nachdenken und Erden. Der frische Wind und das Meeresrauschen lassen die Gedanken schweifen, die Erlebnisse der letzten Tage zu ordnen und zu sammeln. Mit Frühstück verabschieden wir uns am Samstagmorgen bei Sonnenaufgang vom Meer und treten die Rückreise nach Odessa an. Wir schlendern zum Abschluss über den unendlichen Wochenmarkt. Mit Vollgepäck und einer letzten Wassermelone geht’s auf die 15 stündige Rückreise nach Kiew, weiter zum Flughafen und mit wertvollem Filmgepäck und noch unfassbaren Eindrücken zurück nach Deutschland.

Über die Dankbarkeit über das erlebte, die Erfahrungen, Gespräche und Erlebnisse hinaus danken wir ganz besonders den Organisationen die uns dies ermöglichten, neben der EVZ der Stiftung West-Östliche-Begegnung (www.stiftung-woeb.de).