Beiträge von Team Polen

Reisebericht Polen

Nach intensiven Vorbereitungen sind wir im Juli 2009 zu unserer 9tägigen Reise nach Polen aufgebrochen, um drei Überlebende des KZ-Mittelbau-Dora in Warschau und Tuszyn zu interviewen.
Das Resultat unserer Reise sind 24 Stunden Filmmaterial, faszinierende Eindrücke und Begegnungen, vielfältige Erkenntnisse und neue Freundschaften.

Angedacht war, die Zeitzeugen jeweils drei Tage zu begleiten, um sie und ihr persönliches Umfeld näher kennen zu lernen, sie zu ihrem Leben zu interviewen und sie zu ihren Vorstellungen und Wünschen über zukünftiges Erinnern zu befragen.
Die Idee konnte erfolgreich umgesetzt werden und die Ergebnisse haben unsere Erwartungen noch weit übertroffen.

Die Filmaufnahmen der Interviews zeigen nicht nur die bewegenden Lebensgeschichten dreier Einzelschicksale von Menschen, die während des 2. Weltkriegs in Konzentrationslagern inhaftiert waren, sondern dokumentieren auch die Vor- und Nachkriegsgeschichte bis heute.
Die Überlebenden berichteten über ihre Kindheit, den Ausbruch des 2. Weltkriegs, ihre Inhaftierung, die Lagerzeit und ihre Befreiung. Sie erzählten über ihren weiteren persönlichen Werdegang, über Ursachen und Folgen der politischen Umbrüche in Polen und welchen Einfluss diese auf ihr Leben hatten, über die Solidarnosc-Bewegung, über Entschädigungsdebatten und ihren Blick auf Deutschland. Sie sprachen auch darüber, wann und warum sie begannen, über ihre traumatischen Erlebnisse zu berichten, wie diese Berichte in der polnischen Gesellschaft und ihrem persönlichen Umfeld wahrgenommen und verarbeitet wurden, und wie sie sowohl die deutsche als auch die polnische offizielle Erinnerungspolitik bewerten.

Unsere anfängliche Befürchtung, die Fragen zur aktuellen und zukünftigen Erinnerungspolitik seien zu abstrakt, wurden nicht bestätigt.
Alle drei Befragten sind in Überlebendenorganisationen tätig und setzen sich für die Rechte und Forderungen ehemaliger Häftlinge ein. Es mag unter anderem auch in diesem Umstand begründet sein, dass sie ohne Probleme eine gut strukturierte und durchdachte Einschätzung heutiger und zukünftiger Herausforderungen in diesem Bereich geben konnten. Ihre detaillierten Zukunftsvorstellungen und ihr wohl reflektiertes Problembewusstsein waren beeindruckend…

Neben den Interviews hatten wir auch die Gelegenheit, die Familien der Zeitzeugen kennen zu lernen und sie über ihre Einschätzungen und Meinungen zu befragen. Wir besuchten außerdem gemeinsam mit Überlebenden das Museum des Warschauer Widerstands sowie persönliche Erinnerungsorte. Auf diese Weise war es uns möglich, die Erzählungen und Ereignisse mit konkreten Orten zu verbinden und umfangreiches Material für die spätere Filmdokumentation zu sammeln.

Eine weitere wichtige Begegnung war das Treffen mit unserem Kooperationspartner, der Stiftung für Polnisch-Deutsche-Aussöhnung. Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes nahmen wir die Möglichkeit war, unsere Zusammenarbeit zu konkretisieren und weitere gemeinsame Projekte zu besprechen. Die Mitarbeiter der Stiftung, Herr Rojkowski und Frau Golotažs, begleiteten uns während der Interviews. Durch ihre ausgezeichnete Übersetzungsarbeit und ihre Sensibilität für diese Thematik haben sie entscheidend zum Erfolg dieser Reise beigetragen, wofür wir ihnen herzlich danken möchten.

In der verbleibenden freien Zeit setzten wir unsere „Spurensuche“ nach historischen Orten fort. So besuchten wir das Gefängnismuseum „Pawiak“, in dem alle drei Interviewpartner nach ihrer Verhaftung inhaftiert und misshandelt wurden. Wir suchten nach den letzten sichtbaren Resten des jüdischen Ghettos und besichtigten zahlreiche Denkmäler wie das Grab des unbekannten Soldaten, das Denkmal des Warschauer Aufstands und das Denkmal des kleinen Aufständischen.
Durch den Besuch des städtischen Museums konnten wir unser Wissen über die Warschauer Stadtgeschichte um zahlreiche Fakten erweitern. Die Ausstellung informierte angefangen von den Gründungsmythen, über die frühe, mittlere und neuere Geschichte, bis hin zur systematischen Zerstörung der Stadt durch die Deutschen und den folgenden Wiederaufbau nach Gemälden von Canaletto und endete mit der Solidarność-Bewegung.
Bei unseren Erkundungstouren durch die Stadt hatten wir auch die Möglichkeit noch weitere zahlreiche Monumente und Denkmäler zu besichtigen, die beispielsweise an Chopin, Mickiewiticz oder Kopernikus erinnerten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass uns die bewegenden Erlebnisberichte und persönlichen Erinnerungen verwoben mit der offiziellen Darstellung geschichtlicher Ereignisse eine vielschichtige und differenzierte Betrachtung polnischer Erinnerungskultur und Geschichte ermöglichten. Eine Erfahrung von unschätzbarem Wert.

Leider verging die Zeit viel zu rasch. Nach neun ereignisreichen Tagen mussten wir bereits wieder die Heimreise antreten. Für vieles blieb keine Zeit mehr.
Die Eindrücke und Erinnerungen, die wir mit nach Hause nehmen, sind nichtsdestotrotz zahlreich und unwiederbringlich.
In besonderer Erinnerung wird uns die Offenheit, Freundlichkeit und Geduld unserer Interviewpartner und ihrer Familien bleiben, die dieses Interviewprojekt nicht nur erst ermöglicht haben, sondern es auch noch durch ihre Gastfreundschaft und zahlreiche polnische Spezialitäten versüßten.

Zeitraum: 18.07.-26.07.09
Teilnehmer: Johanna, Anja, Roman, Carmen