Beiträge von Team Frankreich

Unsere Frankreich-Reise

Prolog

Als letzte Interviewgruppe machte sich Team Frankreich am 24. September auf nach Paris. Nach einer 11stündigen Autofahrt kamen wir bei unserem Kooperationspartner, der Fondation pour la Memoire de la Deportation, am Boulevard des Invalides an. Dort wurden wir freundlich empfangen von Direktor Yves Lescure und dem derzeitigen österreichischen Gedenkdiener Stefan. Beim gemeinsamen Abendessen sprachen wir über unser Projekt, die Arbeit der Fondation und die Bedeutung des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora und dem Außenlager Ellrich für die französische Erinnerungskultur. Anschließend bezogen wir unsere Zimmer in den Räumen der FMD.

Nach einem typisch französischen Frühstück machten wir einen kurzen Spaziergang zum Invalidendom, wo gerade eine Militärparade für die im Algerienkrieg gestorbenen französischen Soldaten stattfand. Und da waren wir: mitten drin in der französischen Erinnerungskultur. Zurück im unserem Quartier testeten wir, ob unsere Kamera sowie Lichttechnik die Fahrt gut überstanden hatten. Zudem übten wir noch einmal kurz die Einstellungen, schließlich war der Kameraworkshop eine Weile her.

Auf Umwegen zum Ziel

Mit frischen Rosen machten wir uns am Nachmittag auf zu Frau Gatellier-Auribault, unserer ersten Interviewpartnerin. Sie wohnt eine halbe Stunde von Paris entfernt in einem kleinen Vorort. Nachdem uns auf der Autobahn, die uns eigentlich zu ihr und ihrer Familie bringen sollte, der Montmartre verdächtig nahe kam, wurde uns klar, dass wir leider unsere Abfahrt verpasst hatten und dabei waren, Paris einmal zu umrunden. Da wir genau die Hälfte dieser Tour bereits geschafft hatten, wäre ein Umdrehen sinnlos gewesen und so ergaben wir uns unserem Schicksal und dem Pariser Feierabendverkehr. Mit reichlicher Verspätung erreichten wir erst gegen Abend Frau Auribault, die uns sehr herzlich begrüßte und mit ihrer Familie – Tochter, Enkel und Urenkel – bekannt machte. Sie freute sich sehr, als sie Kathy, Martin und mich erkannte, denn wir hatten ihr vorher ein Foto von uns geschickt. Frau Auribault begann gleich zu erzählen und zeigte uns als erstes die Tafel an dem Haus, in dem sie wohnte. Jene Gedenktafel erinnert an ihren Mann Roger Auribault und dessen Familie, die vor ihrer Deportation in dem Haus gelebt haben und nie wieder zurückkehrten. Die Zeit verging sehr schnell und oft mussten wir Frau Auribault mit der Bemerkung, dass wir das alles gern aufnehmen möchten, bremsen. Sie hatte für uns bereits zahlreiche Bücher, Fotos und Zeitungen sowie eine kleine Ausstellung, die vor ein paar Jahren in ihrem Ort zu sehen war, aufgestellt. Wir bemerkten schnell, dass sie sich über unser Interesse für ihre Geschichte freute und das Bedürfnis hat uns diese mitzuteilen. Vom ersten Moment an fühlten wir uns sehr wohl und schon dieses Treffen machte uns sehr gespannt auf die Interviews, die folgen sollten.

Ein Interview am historischen Ort

Am nächsten Morgen waren wir auf die Widrigkeiten der Verkehrsführung besser vorbereitet, holten unterwegs unsere Dolmetscherin Barbara Hahn ab und erreichten diesmal problemlos das Haus der Auribaults. Dieses befindet sich in der „Rue de la Familie Auribault“ und ist selbst ein Teil der Geschichte, die uns Frau Auribault im Folgenden erzählen sollte – ein Interview am historischen Ort. Während Martin und Josephine unter schwierigen Bedingungen (kleiner Raum und ein neugieriger Enkel Lorenzo) Kamera und Licht postierten, erklärten Kathy und Barbara Frau Auribault, wie das Interview ablaufen sollte. Wir begannen an diesem Tag das Interview mit der Lebensgeschichte von Frau Auribault. Sie erzählte uns von ihrer Heirat, ihrer ersten Tochter Danielle, ihrer Verhaftung, der Deportation nach Ravensbrück, der Befreiung in Holýšov
(Holleischen) und ihrem Leben nach der Rückkehr.
Am nächsten Tag stand das von Josephine geführte Interview zur Zukunft der Erinnerung an. Sie sprach mit ihr über Erinnerungskultur in Frankreich, Gedenkstätten und -veranstaltungen und fragte nach ihren Vorstellungen über die Zukunft und Bewahrung der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Schon hier wurde uns deutlich, welch große Rolle Ellrich als ehemaliges Außenlager des KZ Mittelbau-Dora für die französischen Überlebenden spielt.
Nach dem Interview bekamen wir von Frau Auribault noch eine Führung durch den Ort, in dem es mehrere Denkmäler mit dem Namen ihrer Familie sowie einen Platz gibt, der nach ihrem Mann benannt ist. Ein sehr spannender Ausflug, besonders natürlich für uns als „erinnerungskulturelle Spurensucher“. Uns ist dabei bewusst geworden, wie Erinnerungskultur im lokalen Bereich funktioniert und ein Stückchen auch, was es für die Überlebenden bedeuten kann, jene Erinnerung aufrecht zu erhalten. Der Abschied voneinander fiel allen schwer, so viele Fragen hätten noch gestellt werden können. Drei Tage einen Einblick in ein solch bewegendes Leben zu erhalten, schafft eine ganz besondere Atmosphäre und Verbundenheit. Wir hoffen, dass wir Frau Auribault-Gatellier am Jahrestag der Befreiung in Dora bzw. Ellrich wiedertreffen.

Vor dem Haus der Auribaults: im Hintergrund ist die Gedenktafel zu sehen
Vor dem Haus der Auribaults: im Hintergrund ist die Gedenktafel zu sehen

Über den Dächern von Lyon

Am nächsten Tag fuhren wir direkt von Paris aus nach Lyon, wobei uns Barbara Hahn abermals begleitete. Als wir am Abend ankamen, wurden wir von den Boussons in ihrem wunderbar gelegenen Appartement mit Panoramablick über die ganze Stadt bis zum Montblanc in Empfang genommen. Für Kathy und Herrn Bousson war es ein Wiedersehen nach längerer Zeit, die beiden kannten sich bereits seit einigen Jahren über „Jugend für Dora“. Viel Zeit zum Verweilen blieb uns jedoch zunächst nicht, da wir bei der Tochter von Herrn Bousson untergebracht waren und dort – wie wir an dem Abend erst erfuhren – zum Essen anlässlich des 81. Geburtstages von Herrn Boussons Frau eingeladen waren. Uns erwartete ein echt französisches Mehr-Gänge-Menü im Familienkreise, wo wir sehr herzlich und interessiert aufgenommen wurden uns uns sofort wohl fühlten. Wohlgenährt und gestärkt begaben wir uns in unsere herrlichen Betten, gespannt auf die nächsten Tage und die Interviews.
Diese führte diesmal Martin; natürlich mit der großartigen Barbara Hahn als Sprachrohr, die abermals Großartiges leistete – menschlich und als Dolmetscherin. Am ersten Tag erzählte uns Herr Bousson seine spannende Lebensgeschichte, in der wir schon viele Zugänge für unsere Fragen zur „Zukunft der Zeitzeugen“ fanden. In den Interviewpausen zeigte er uns Familienfotos und gesammelte Dokumente – von Postkarten bis zu einem Briefwechsel mit Wernher von Braun. Den Abend ließen wir bei einem Wein und angeregtem Gespräch in der Altstadt von Lyon ausklingen.
Tags darauf konnten wir unsere Fragen zur Zukunft der Erinnerung stellen, wobei sich ein sehr interessantes Gespräch mit Herrn Bousson entwickelte. Mehr davon wird in der Videodokumentation zu sehen sein!
Wie am Vortag wurden wir von Frau Bousson ganz wunderbar bekocht. Vom Hauptgang bis zu Wein und Käse – nun wissen wir, warum Lyon als „kulinarisches Mekka“ bezeichnet wird. Am Abend bestand Herr Bousson noch darauf, Barbara Hahn selbst zum Flughafen zu fahren, wir verabschiedeten uns und hoffen freilich ebenfalls auf ein baldiges Wiedersehen.
Für uns drei ging es noch in der selben Nacht mit den wertvollen Videobändern zurück nach Paris an die alte Adresse – „Boulevard des Invalides“. Unsere Nachtruhe und den darauf folgenden Erholungstag hatten wir uns redlich verdient.

Herr Bousson zeigt uns Fotos und Dokumente
Herr Bousson zeigt uns Fotos und Dokumente

Epilog

Wir hatten noch ein Treffen mit Herrn Lescure offen, der mit uns zur Ile de la Cité fuhr, wo wir eine exklusive Führung am Mahnmal für die Deportierten bekamen. Danach besuchten wir das nahegelegene Mémorial de la Shoa, wo wir eine sehr bewegende Ausstellung zu sehen bekamen. Sehr schön war es, danach im Marais aktives lebendiges jüdisches Leben zu erfahren und Falafel zu essen, die tatsächlich fast so gut war wie die israelische.
Am nächsten Tag gab es im Invalidendom noch eine ältere Ausstellung zu Resistance und Deporation zu sehen, sowie eine neuere zu den Weltkriegen. Und wie zur Begrüßung gab es – diesmal zum Abschied am Arc de Triomphe – eine Militärparade.

Yves Lescure, Kathy, Stefan und Josephine am Memorial des Martyrs de la Deportation
Yves Lescure, Kathy, Stefan und Josephine am Memorial des Martyrs de la Deportation

An dieser Stelle ganz herzlichen Dank – zunächst an Barbara Hahn, die uns eine unglaubliche Hilfe war! Sie dolmetschte für uns bis zur Erschöpfung – die Interviews, aber auch alles drumherum. Auch die Gespräche und Reflexionen mit ihr waren für alle sehr bereichernd.
Ermöglicht hat uns die Reise und die Erfahrungen zu einem großen Teil die FMD, für das Sponsoring, die Essensgutscheine, die Unterkunft und jegliche andere Unterstützung auch hier ein großes Dankeschön!
Der größte Dank gebührt freilich unseren InterviewpartnerInnen, die uns nicht nur geduldig unsere Fragen beantworteten, sondern uns mit ihrer herzlichen Wärme eine sehr angenehme Zeit bereitet haben, die wir nicht vergessen werden!

Auf ein baldiges Wiedersehen mit allen hofft
Team Frankreich

JfD im ITS Bad Arolsen (2)

Das nach vorne verlängerte Wochenende 06.08.09 bis zum 09.08.09 verbrachte ein Teil der am Projekt Beteiligten (Team Frankreich und Team Israel) in Bad Arolsen bei einem Besuch bei einem unserer Kooperationspartner, dem Internationalen Suchdienst (ITS).
Susanne Urban, die bis vor kurzem noch unsere Ansprechpartnerin bei der Internationalen Schule für Holocaust Studien Yad Vashem war, und nun die Forschungsabteilung beim ITS leitet, hatte sich ein reichhaltiges und äußerst interessantes Programm für uns überlegt. Unser Besuch begann (aufgrund unseres Verschuldens) mit leichter Verspätung, aber in herzlicher Atmosphäre beim Zusammentreffen mit einigen MitarbeiterInnen des ITS. Sowohl der Leiter des Suchdienstes, Herr Blondel, als auch Frau Siebert (Leiterin der Abteilung Humanitäre Anfragen), Herr Jost (Leiter des Archivs) und Susanne Urban (Leiterin der Abteilung Forschung) hatten sich viel Zeit genommen, um uns zu treffen und sich zunächst unser Projekt näher erläutern zu lassen. Anschließend bekamen wir eine Einführung in Geschichte, Struktur und Arbeitsweise des ITS. Beeindruckt waren wir nicht nur von der Reichhaltigkeit des im ITS vorhandenen Materials und den kompetenten Ausführungen und Antworten auf unsere Fragen, sondern auch von der freundschaftlichen Atmosphäre und dem großen Interesse, das uns ebenso entgegengebracht wurde.
Herr Jost führte uns nach der Mittagspause durch die verschiedenen Bereiche des Archivs, wobei er es immer verstand, zusätzlich zu den allgemeineren Erläuterungen besonderen Bezug auf den Komplex Mittelbau-Dora zu nehmen. Dabei wurde deutlich, welche Möglichkeiten in diesem Archiv bestehen, die Aspekte zu betonen, die in so vielen Ausstellungen, Projekten, Publikationen etc. herausgearbeitet werden sollen: Einerseits die ungeheuren Dimensionen der Massenverbrechen an Millionen Menschen, als auch – nur einen Griff in die Akten entfernt – das konkrete Einzelschicksal der Opfer. So „erschlagen“ man sich von der schieren Masse an Dokumenten fühlt, so berührt ist man von den persönlichen Geschichten, die sich mit jedem Stück Papier verbinden.
Der Abend klang dann mit einem gemeinsamen Abendessen mit Susanne Urban in Bad Arolsen aus.

Am nächsten Tag begannen wir mit einer Einführung von Frau Domenicus zu den vielfältigen Recherchemöglichkeiten im Archiv des ITS. Danach arbeiteten wir mehrere Stunden in Kleingruppen zu unseren Interviewpartnern, die wir für das Projekt besuchen wollen. Dabei waren wir überrascht, welche Fülle von Materialien wir finden konnten. Diese werden unser Projekt unglaublich bereichern und insofern es unsere Gesprächspartner wünschen und nicht schon selbst Anfragen diesbezüglich gestellt haben, können wir ihnen und ihren Familien diese Materialien auch zur Verfügung stellen.
Ein anschließender Termin mit Frau Flor von der PR-Abteilung ermöglichte es uns, unser Projekt und die Kooperation mit dem ITS weiterhin bekannt zu machen.
Am Nachmittag zeigte uns Susanne Urban dann noch in einem Nachbarort von Bad Arolsen einen lokalen Gedenkort, der sich an der Stelle des früheren jüdischen Friedhofs befindet. Er wurde ursprünglich 1948 angelegt, über die Jahre jedoch vernachlässigt und überwuchert. Erst in jüngster Zeit wurde die Anlage auf Initiative einer Einzelperson restauriert und ist nun wieder zugänglich.
Am Abend waren wir privat bei Susanne Urban eingeladen, wo uns ein wunderbares Abendessen in freundlicher Atmosphäre und bei guten Gesprächen erwartete.
Besonders ihr, aber natürlich auch allen anderen MitarbeiterInnen des ITS sei an dieser Stelle für alles gedankt. Team Frankreich reiste am Samstag Morgen wieder gen Leipzig ab, während Susanne Urban mit Team Israel noch einen eintätigen Workshop zur Erinnerunskultur in Israel durchführte…

Martin
für
Team Frankreich

JfD im ITS Bad Arolsen (1)

Pressemitteilung aus dem ITS Bad Arolsen zu unserer Kooperation und unserem Besuch dort am Wochenende:
>klick<

Ein Bericht unserer Reisegruppe folgt…

Update 12.08.:
Auch die Hessische/Niedersächsische Allgemeine berichtet.

Die Hessische/Niedersächsische Allgemeine und die Waldeckische Landeszeitung vom 12.08.2009.

Traurige Nachricht

Soeben erreichte uns die traurige Nachricht, dass einer der ehemaligen Häftlinge aus Frankreich, den wir um eine Teilnahme am Projekt angefragt hatten, am Donnerstag im Alter von 87 Jahren verstorben ist. Erst diese Woche hatten wir unseren zweiten Brief an ihn geschickt.
Das macht betroffen, zeigt aber auch zugleich wie wichtig es ist, gerade jetzt das Projekt durchzuführen.

Martin
für
Team Frankreich