Beiträge von Team Belgien

Schokolade und Gastfreundschaft – Wir haben Albert van Hoey besucht!

Ja, zugegeben dieser Beitrag kommt später als geplant, erwartet und vereinbart.
Dafür ein großes ‚Tut mir leid!‘, aber dieser Besuch in Belgien musste noch etwas nachbereitet und verarbeitet werden. Doch nicht im negativen, sonder im positiven Sinn, denn mit so viel Gastfreundschaft, Liebe und Fürsorge haben wir nicht gerechnet.

Die Fahrt nach Belgien (genauer: Stekene) war die letzte von Jugend für Dora geplante Reise für das Zeitzeugenprojekt, dennoch die erste, die gestartet wurde. Die Idee, nach Belgien zu fahren und Albert van Hoey zu interviewen kam dem Verein einige Tage nach der Gedenkfeier zum 64. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora.
Zu dieser Gedenkveranstaltung trug der Vorsitzende des Häftlingsbeirats der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora Albert van Hoey in seiner Rede das Vermächtnis der Überlebenden der Konzentrationslager vor. Das Vermächtnis der Überlebenden bezieht sich auf die Zeit und das Leben der Menschen nach den Befreiungen der Konzentrationslager, aber vor allem geben die Überlebenden ihre Vorstellungen und Wünsche an die folgenden Generationen weiter. Auch im Bezug auf das Gedenken in der Zukunft – ohne Zeitzeugen.

Albert van Hoey ist als Vorsitzender des Häftlingsbeirats der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora aktiv und wurde auch von der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora über seine Lebensgeschichte interviewt. Wir haben uns, nach den Worten, die er an die nachfolgenden Generationen gewandt hat, gefragt, in welchen Zusammenhang seine Lebensgeschichte und seine Gedanken über „die Zukunft der Zeitzeugen“ stehen.
Beim Telefonat schließlich, reagierte Albert van Hoey sehr freudig auf unsere Anfrage nach einem Interview und lud uns zu sich ein. Er kümmerte sich gleich um Unterkunft und Verpflegung für uns.

Zugegeben verlief die Vorbereitung des Teams Belgien ähnlich spontan und ungeplant, denn nur zwei Wochen vor Beginn stand die Teambesetzung fest: Martin Nekwasil, Ruben Kolberg, Oliver Mahrle, Jenny Linde und Anika Uthleb.

Am Vormittag des 03. Juli 2009 gegen 11.00 Uhr startete die Reise von der Gedenkstätte in Nordhausen in Richtung Stekene nach Westen.
Zu der Autofahrt sind hier folgende Zahlen zu vermerken: 5 Personen – 1 Auto – gefühlte 40 Grad Celsius.
Da Albert van Hoey uns im Vorfeld einen Brief mit einer sehr guten Wegbeschreibung (von Nordhausen beginnend! – typisch Lehrer :) ) geschickt hat, war das Zurechtfinden gar nicht so schwer. Während der Fahrt waren wir auch telefonisch in Kontakt mit ihm.
Um 19.00 Uhr kamen wir dann in Stekene an. Wir mussten uns nur an den Hausnummern „entlang hangeln“ – bis wir tatsächlich noch am Häuschen vorbei gefahren sind, es aber noch in einem Moment, geprägt von der Freude über das Ankommen und der Nervosität die Familie kennen zu lernen, rechtzeitig bemerkt haben.

Beim Einbiegen auf das Grundstück mit Backsteinhäschen und viel Grün sahen wir sie schon – Albert van Hoey, seine zwei Töchter, sein Sohn sowie die Partner der „van-Hoey-Kinder“ versammelt im Garten um den Teich. (Später sollten wir noch erfahren, dass der Teich eines von Albert van Hoeys vielen Interessen ist und die Fische sehr auf ihn fixiert sind.)
Mit Tomaten-Feta-Häppchen und einer herzlichen Begrüßung wurden wir empfangen. Getränke wurden gereicht und sofort fühlten wir uns sehr willkommen bei der Familie van Hoey. Zum Abendessen wurde für uns Quiche Lorraine und Salat vorbereitet. Obwohl das jetzt kitschig klingen mag, aber das gemeinsame Abendessen glich einem bunten Familientreffen. Es gab keine Kommunikationsprobleme, nicht nur aufgrund der guten Deutschkenntnis, mehr noch, weil es uns in unserer „Gastfamilie“ nicht schwer viel zu reden, zu diskutieren und zu lachen. Nach einem langen Tag und einem schönen Abend verabschiedeten wir uns gegen 23.00 Uhr alle voneinander.
Hadewijch, die jüngste Tochter, und ihr Mann Elie führten uns zu ihrem Haus in den übernächsten Ort, denn dort konnten wir schlafen. Es ist schon nicht selbstverständlich, dass die Familien, die wir besuchen, sich um unsere Unterkunft kümmern, aber wenn dann das Abendbrot bei der Ankunft bereit steht, die Betten schon gemacht sind und die Versorgung besser (vor allem herzlicher) als in einen Hotel ist, dann fehlen uns an dieser Stelle die Worte.
Elie und Hadwijch kümmerten sich um uns, wie sie es wohl mit ihren Kindern machen, die an diesem Wochenende zu Studium waren. Wir wurden vor dem zu Bettgehen zum Wein eingeladen und haben mit unseren „Gasteltern“ bis in die Nacht geredet.
Der Morgen wurde ebenso luxuriös gestaltet, wie der Abend zuvor. Frühstück und Bademäntel für den Pool erwarteten uns nach dem Aufstehen…
Nun könnte man annehmen, dass wir in Belgien waren, um Urlaub zu machen und so fühlten wir uns – wie im Urlaub.
Doch wir wollten Albert van Hoey nicht warten lassen und doch wurden wir in diese unangenehme Situation gebracht, da unser Auto die Fahrt nicht ohne Schade überstanden hat. Das Kupplungsseil war gerissen. Auch hier halfen uns Elie und Hadewijch, denn während sie sich mit Ruben um die Reparatur kümmerten, durften die anderen vier Jugend für Dora-Mitglieder ihr Privatauto nutzen.
Mit einer geringen Verspätung traf Jugend für Dora am Samstag, dem 04. Juli 2009, bei Albert van Hoey zu Interview ein.
Gemeinsam mit ihm klärten Martin und ich Raum und Ablauf , während Oliver und Jenny die Technik aufbauten.

Da ich während des Interviews Notizen gemacht habe, können wir an dieser Stelle Auszüge wiedergeben, die mich sehr beeindruckt haben:

Es ist so schön, dass Menschen wahre Liebe für einander empfinden. Das auffallendste an Albert van Hoey ist die Liebe zu seiner Frau. Sie sei Grund, warum er die KZ-Haft überlebt habe. Er habe sich immer wieder gesagt „du musst stark sein Albert, dein Mädchen wartet auf dich!“. Dreizehn Monate habe sie auf ihn gewartet und habe so ein starkes Verlangen gehabt, sie wieder zu sehen. Wenn er von ihr erzählt, ist er so glücklich. Dieses Glück verschwindet ganz plötzlich, wenn ihm beim erzählen bewusst wird, dass seine Frau verstorben ist. „Sie war der schönste Mensch. Nicht nur äußerlich, sondern auch von innen. So hilfsbereit. Die Leute haben sie geliebt.“ Nach ihrem Tod habe er nicht weiter gewusst, erzählte er. Bis zum Tag, als einer seiner Enkel zu ihm kam und ihm daran erinnerte, dass er jetzt nicht Opa, sondern auch Oma sein müsse. „Das hat mir Kraft gegeben!“
Seine Familie besteht aus seinen fünf Kindern, seinen 17 Enkeln und den 12 Urenkeln (Nummer 13 ist unterwegs). Die Familie sei ihm das Wichtigste. Sie habe ihm geholfen die Zeit im Konzentrationslager zu verarbeiten. Aber auch sein Glaube habe ihm Mut gemacht. Er ist katholisch erzogen wurden und das habe ihn geprägt. Das Gedenken sei ihm deshalb so eine Stütze. Eine bestimmt Art zu Gedenken gebe es aber nicht. Jeder solle das so tun, wie es dem Einzelnen hilft. Doch, dass Gedacht wird, sei notwendig. „Die Welt braucht Andacht!“
Die Gedenkfeier am 09. April habe ihm sehr gefallen, vor allem dass junge Menschen anwesend waren und Kränze getragen haben.

Ruben kam wieder, als wir mit dem Interview fast fertig sind. Natürlich hat Hadewijch auch für Mittag und Kaffee gesorgt und wir wurden in den Interviewpausen verwöhnt mit Schokolade, Brot, Suppe, Käse, Obst und noch viel mehr Leckereien. Beim Kaffeetrinken erzählte uns Albert van Hoey dann von seiner Leidenschaft für Süßigkeiten. Nutella möge er am liebsten. Jeden Tag nimmt er einen Löffel und taucht ihn in das Nutellaglas.
Dieser Moment war so unscheinbar wie einzigartig. Albert van Hoey, ein Mann, der so viel erlebt hat, 13 Monate im Konzentrationslager inhaftiert gewesen ist, Leid und Elend gesehen und erlebt hat, gereist ist, die wahre Liebe gefunden und vor einigen Jahren wieder verloren hat, eine tolle Familie gegründet hat, unendlich viele Interessen hat, sitzt mit uns in seinem Garten und erzählt uns vom wundervollen Haselnussgeschmack der Nutelllacreme.

Das Interview war sehr erschöpfend. Und wir sind so dankbar, dass Albert van Hoey durchgehalten hat.

Seine Tochter Hadewijch holte uns vom Haus ihres Vaters wieder ab und gemeinsam fuhren wir einkaufen, um am letzten gemeinsamen Abend zu kochen. Da wir Jugend für Dora- Mitglieder wenn es um das Essen ging, nicht ganz so pflegeleicht gewesen sind, entschied Hadewijch, dass wir uns etwas aussuchen dürfen, solange wir mitkochen. Dieses Angebot nahmen wir natürlich an und so verbrachten wir unseren letzten Abend in Belgien wieder in einer familiären Atmosphäre – bei gutem Wein, Diskussionen und Nudeln mit einer selbst kreierten Tomatensauce.

Der Abschied am nächsten Morgen fiel uns ehrlich gesagt etwas schwer, denn bei diesen lieben Menschen wären wir gern länger geblieben.
Von Hadewijch und Elie versogt mit Pausenbroten und Kühlakkus traten wir die Heimreise an: 5 Personen – 1 Auto – gefühlte 40 Grad Celsius – und um viele Erfahrungen reicher zurück nach Nordhausen.

Vielen Dank an Albert, Hadewijch und Elie!