Offener Brief zur aktuellen Ausschreibung der Geschichtswerkstatt Europa „Pfade der Erinnerung“

Sehr geehrte Damen und Herren,

unser Projekt „Die Zukunft der Zeitzeugen“ wird im Rahmen des Förderprogramms der Geschichtswerkstatt Europa mit Hilfe von Mitteln der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) im Jahr 2009 realisiert.
Aus dieser Position heraus möchten wir Stellung zur neuen Ausschreibung „Pfade der Erinnerung“ der Geschichtswerkstatt Europa für 2010 nehmen. Diesen Brief betrachten wir dabei als Teil des „Dialogs über europäische Erinnerungskulturen“, der durch die Geschichtswerkstatt Europa gefördert werden soll. Eine Förderung durch die Stiftung EVZ ist unseres Erachtens nach nicht gleichbedeutend mit einer Meinungskongruenz in Bezug auf die Interpretation von Geschichte und die offenen Diskurse der Historiografie. Dennoch befremden uns der Text und das damit vermittelte Geschichtsbild so sehr, dass wir, die wir unser Projekt dankenswerterweise aus Mitteln der Stiftung EVZ finanzieren, diesen – gerade als Beteiligte und auch mit Hinblick auf unsere Kooperationspartner, die sich dezidiert und differenziert mit den NS-Massenverbrechen und der Shoah befassen – nicht unkommentiert lassen möchten. Einige von uns haben bereits beim „Treffen an der Oder“ im April 2009 zentrale Kritikpunkte angesprochen und zur Diskussion gestellt, wobei dies anscheinend lediglich wahrgenommen, aber nicht reflektiert wurde, so dass wir uns nun schriftlich dazu äußern wollen.

Uns ist durchaus bewusst, dass eine solche Ausschreibung recht offen formuliert sein muss, um einem möglichst breiten Spektrum an Projekten eine Teilnahme zu ermöglichen.
Es ist für uns jedoch nicht mehr nachvollziehbar, mit welch undifferenzierter Terminologie gearbeitet und was für ein Geschichtsbild damit geformt wird.
So ist für uns nicht ersichtlich, welchen historischen Erkenntnisgehalt die Kategorie „kollektive Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts“ trägt und vor allem, mit welchem Inhalt der offensichtlich zentrale Begriff „Zwangsmigration“ gefüllt sein soll. Folgt man dem Ausschreibungstext, bezieht dies „Deportation, Flucht, Evakuierung, Umsiedlung, Auswanderung, Repatriierung, Vertreibung u.a.“ mit ein. Zentrale nationalsozialistische Verbrechen wie die Verschleppung von ZwangsarbeiterInnen nach Deutschland, darunter viele mit dem Ziel der „Vernichtung durch Arbeit“, vor allem aber die Ausplünderung, Ghettoisierung und Ermordung der Juden Europas werden mit dieser Definition entweder zur „Migration“ bzw. „u.a.“ bagatellisiert oder aber außen vor gelassen. Zwangsmigration ist ein Begriff, der sich sicherlich in die Historiografie einbinden ließe, vor allem hinsichtlich der Irrwege und Erfahrungen Überlebender – der Shoah und der Zwangsarbeit –, die nach 1945 in DP-Camps auf die Repatriierung und zumeist auf die Auswanderung warteten. Sie waren MigrantInnen nicht aus freien Stücken, sondern sahen keine Zukunft in Deutschland, in Europa oder ihren früheren Heimatländern.
Hinzu kommt, dass im Text das Paradigmatische des Holocaust im Vergleich mit Verbrechen an anderen Bevölkerungsgruppen in keinster Weise beachtet wird.
Wer genau ist mit „Überlebende und Nachgeborene“ gemeint? Da keinerlei Kontextualisierung vorgenommen wird, muss davon ausgegangen werden, dass hier Opfer- und TäterInnenrollen vermischt werden können.

All dies ist für uns nicht teilbar, handelt es sich bei der Geschichtswerkstatt Europa doch um ein Förderprogramm, welches sich aus Mitteln des Fonds für die Entschädigung ehemaliger NS-ZwangsarbeiterInnen finanziert.

Durch eine solch undifferenzierte Parallelisierung verschiedener historischer Zusammenhänge wird keineswegs ein kritisches Geschichtsbewusstsein gefördert, sondern eine langfristige Relativierung möglich. Die Entkontextualisierung historischer Phänomene, die Verschleierung von konkreten Sachverhalten, Taten, TäterInnen aber auch Opfern hinter Begriffen wie „Gewalterfahrungen“ führt zu einer ahistorischen, anthropologisierenden Deutung von Geschichte, die nicht das Ziel einer europäischen Geschichtswerkstatt sein sollte.

TeilnehmerInnen von „Die Zukunft der Zeitzeugen“ im August 2009


1 Antwort auf “Offener Brief zur aktuellen Ausschreibung der Geschichtswerkstatt Europa „Pfade der Erinnerung“”


  1. 1 Diskussion zur neuen Ausschreibung « Die Zukunft der Zeitzeugen Pingback am 28. Oktober 2009 um 9:36 Uhr
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